Grenzen oder grenzenlos?

In den Analysen, die sich mit dem jeweiligen Zustand der neoliberalen Verwüstungen befassen, tauchen immer wieder die Begriffe „Gier“ und Angst“ auf. Dabei steht Gier für die Hauptantriebskraft des zerstörerischen Handelns, während Angst (bzw. das Schüren von Angst) den zentralen Punkt der dafür eingesetzten Machtmittel kennzeichnet. Der in dieser Hinsicht wirkungsvollste Hebel besteht aus einem kontinuierlichen Abbau bisheriger Gewissheiten, d.h. in einer systematischen Deregulierung der Arbeitswelt, die zahlreiche – bis ins Privatleben hineinreichende – Entgrenzungen mit sich gebracht hat. Dass diese Art der Entfesselung keineswegs auf die behauptete Befreiung des/der Menschen hinausläuft, erschließt sich auch durch einen Blick auf den förderlichen Charakter einiger noch vorhandener oder noch bekannter Grenzen.

Einerseits gibt es Grenzen, die den davon betroffenen Menschen wegen ihrer entwicklungshemmenden Wirkung überhaupt nicht gut tun. Dazu können starre (womöglich noch religiös unterfütterte) Verhaltensvorschriften ebenso gehören wie ideologisch begründete Denkverbote.

Und auch die zur Regelung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens geschaffenen Gesetze wirken sich häufiger schädlich als nützlich aus. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn Gesetzesverstöße – wie es in der Redewendung „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen!“ zum Ausdruck kommt – nicht in allen Schichten der Gesellschaft gleichermaßen geahndet werden oder wenn es zu unnötigen Gesetzesverschärfungen kommt, die schnell eine Kriminalisierung bislang „unbescholtener“ Bürger zur Folge haben können. Nur am Rande sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die zuletzt angesprochene „Hyper-Regulierung“ parallel zu den anderweitig vorangetriebenen Deregulierungen in die Wege geleitet worden ist.

Auf der anderen Seite können Grenzsetzungen in Form von Ge- und Verboten gerade jungen Menschen dabei helfen, sich in der ihnen anfänglich noch unvertrauten Welt zurechtzufinden. Gleichzeitig vermittelt die Kenntnis der nicht zu überschreitenden roten Linien ein Gefühl von Sicherheit und vielleicht sogar Geborgenheit. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Eltern, die – aus welchen Gründen auch immer – auf das Aufzeigen von Grenzen weitgehend verzichten, ihren Kindern keinen Gefallen tun.

Allerdings können die hier gemeinten Grenzen nur dann ihre positive Wirkung entfalten, wenn sie konsequent eingehalten und nicht zu eng gezogen werden. Sehr abträglich ist außerdem die heutzutage oft zu beobachtende Kombination mit einer beinahe allumfassenden elterlichen Kontrolle.

Dabei können klug gesetzte Grenzen auch noch „positive Reibungseffekte“ zur Folge haben, d.h. die den heranwachsenden Menschen gebotene Möglichkeit, durch eine immer bewusstere Auseinandersetzung mit den ihnen gemachten Vorschriften so nach und nach eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Dem gegenüber führen zu enge und/oder zu stark kontrollierte Grenzen eher zu einer frühen Anpassung, die aber auch das Ergebnis der seit einigen Jahrzehnten sehr ähnlich gewordenen Lebensstile von Eltern und Kindern sein kann. Vielleicht liegt hierin sogar der Hauptgrund für das nicht gerade rebellische Verhalten vieler heutiger Jugendlicher.

Doch zurück zu den „guten Grenzen“, die ja nicht nur inhaltlicher, sondern auch zeitlicher Natur sein können. In diesem Zusammenhang möchte ich zunächst einige den Tagesablauf strukturierende Rituale ansprechen. So gibt es in Ostfriesland den schönen Brauch des „11Ührtje“, bei dem es um ein genau zu dieser Tageszeit beginnendes gemeinsames Teetrinken geht. Der in England entwickelte Brauch des „five-o’clock-teas“ findet zwar zu einer späteren Stunden statt und fällt auch etwas opulenter aus, dürfte aber trotzdem auf ganz ähnliche Bedürfnisse zurückzuführen sein.

Zeitliche Begrenzungen können auch mehrere Stunden (Siesta) oder auch ganze Tage umfassen, wie es bei dem früher allseits „geheiligten“ Sonntag der Fall war. In einem weltbekannten literarischen Beispiel von Saint-Exupéry geht es zwar um einen anderen Wochentag, aber um dasselbe Prinzip, das der Fuchs dem kleinen Prinzen auf dessen Frage nach der Bedeutung fester Bräuche folgendermaßen erklärt: „Es ist das, was einen Tag vom anderen unterscheidet, eine Stunde von den anderen Stunden. Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit den Mädchen des Dorfes. Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären alle Tage gleich und ich hätte niemals Ferien.“

Und wie sieht es mit dem heute üblich gewordenen „Zeitmanagement“ aus? Einen geregelten Feierabend gibt es für viele Menschen schon gar nicht mehr, weil sie Arbeit mit nach Hause nehmen oder gleich dort erledigen müssen. Auch komplett freie Samstage oder gar Wochenenden sind nicht mehr die Regel und die rasant ansteigenden städtischen Mieten haben zur Folge, dass immer mehr Menschen zu Pendlern werden, die einen großen Teil ihrer „Freizeit“ auf der Autobahn verbringen müssen. Nicht zu vergessen die vielen prekär Beschäftigten, von denen erwartet wird, dass sie ständig auf Abruf bereit stehen.

Da ist es schon bizarr, dass ausgerechnet unter diesen Bedingungen immer wieder die Einhaltung einer „work-life-balance“ angemahnt wird – ganz so, als ob die so Ermahnten mutwillig Schindluder mit ihrer Freizeit treiben würden. Mit anderen Worten haben wir es auch in diesem Fall mit einer unangebrachten Schuldzuweisung bzw. mit einer für den Neoliberalismus typischen Verlagerung der Verantwortung auf die Opfer der in seinem Namen vollzogenen gesellschaftlichen Destabilisierung zu tun.

Auf der anderen Seite müssen wir ehrlicherweise zugeben, dass wir die massiven Eingriffe in unseren Lebensrhythmus mehr oder weniger klaglos hingenommen haben. Tragen wir also doch eine Art von (Mit-)Schuld? Hat unsere Fantasie nicht ausgereicht, um rechtzeitig die Tragweite des schon vor langer Zeit eingeleiteten Umbaus der Gesellschaft zu erkennen? Waren wir einfach nur zu träge oder so verblendet, dass wir den stets mitgelieferten Verheißungen auf ein (noch) besseres Leben nur allzu gern geglaubt haben?

Eine weitere denkbare Variante ergibt sich aus der Überlegung, dass wir den Wert tradierter zeitlicher Grenzen erst viel zu spät erkannt und diese auch deshalb ziemlich leichtfertig aus der Hand gegeben haben. Für diese Vermutung spricht, dass Begrenzungen aller Art lange Zeit als absolut spießig und somit als nicht „verteidigungswürdig“ galten. Im Lichte der jetzigen Erfahrungen kann allerdings nur empfohlen werden, diese Position noch einmal sehr gründlich zu überdenken.

Und wie sieht es mit der Verteidigungswürdigkeit der die Menschen voneinander trennenden Abgrenzungen aus? Fest steht, dass sich als Folge solcher Abgrenzungen ganz unterschiedliche Gruppierungen bilden, die nichts miteinander zu tun haben wollen oder im Extremfall sogar eine gegenseitige Ausrottung anstreben.

Nun könnte man sagen, dass die Zugehörigkeit zu einer klar definierten Gruppe ja auch ein Identitätsgefühl mit sich bringt und deshalb so falsch nicht sein kann. Dem ließe sich entgegenhalten, dass es spielenden kleinen Kindern völlig egal ist, welche Nationalität oder Hautfarbe ihre Spielgefährten haben und dass ihnen erst von ihren Eltern beigebracht wird, sich von anderen Kindern aufgrund des Vorhandenseins bestimmter Merkmale bewusst abzuwenden.

Dadurch wird das ursprünglich vorhandene „große Identitätsgefühl“ (Zugehörigkeit zur Gruppe der Kinder) in viele „kleinteilige Identitätsgefühle“ aufgespalten (Zugehörigkeit zur Gruppe armer oder reicher, weißer oder farbiger, deutscher oder nichtdeutscher Kinder etc.).

Mit dem Älterwerden kommen noch weitere ab- und ausgrenzende Merkmale wie religiöse oder politische Gesinnungen hinzu, sodass wir uns am Ende kaum noch als Angehörige des Menschengeschlechts wahrnehmen, sondern als Repräsentanten bestimmter Teilidentitäten. Und je „festgezurrter“ diese Teilidentitäten sind, desto geringer dürfte die Bereitschaft sein, die damit einhergehenden Überzeugungen durch einen Blick über den Tellerrand in Frage zu stellen bzw. stellen zu lassen.

Im Rahmen straffer organisatorischer Strukturen schreiten geistige Einengungen besonders schnell voran. Und dann kommt noch die eingangs erwähnte inzwischen in alle Lebensbereiche transportierte Angst hinzu, die sich – im gar nicht so seltenen – schlechtesten Fall mit der aus misslungenen frühkindlichen Beziehungen resultierenden Angst vermischt und so mächtig ist, dass sie ein eigenständiges Denken und Handeln kaum noch zulässt.

Die Sache wird nicht dadurch einfacher, dass die für die Zwecke der „Gierigen“ instrumentalisierten Menschen nicht nur eingeredete, sondern auch ganz reale Ängste haben (z.B. die Angst vor Altersarmut) und überdies tatsächlich zutreffende Demokratie-Defizite (z.B. selektive Medien-Berichterstattung) ansprechen. Sind das vielleicht schon die „verteidigungswürdigen“ Anteile der ansonsten menschenverachtenden Ab- und Ausgrenzungen?

Beim Nachdenken über diese Frage fällt schnell auf, dass die immer enger gewordenen „Abgrenzungsareale“ ein Übermaß an Unversöhnlichkeit und Hass hervorgebracht haben. Im Vergleich dazu sei auf das in früheren Zeiten vorhandene Klassenbewusstsein verwiesen, das auf einer schlichten Einteilung der Menschen in Besitzende einerseits und Ausgebeutete andererseits beruhte. Damals waren Solidarität und Internationalität für die allein von ihrer Arbeitskraft lebenden Menschen noch ganz selbstverständliche Ziele, sodass diese Art von Abgrenzung tatsächlich sehr positive Auswirkungen gehabt hat.

Diese Zeiten scheinen endgültig vorbei zu sein, aber das enthebt uns nicht der Frage, wie mit der heutigen Situation umzugehen ist. Runtergebrochen auf die derzeit in Deutschland vorzufindende politische Landschaft lässt sich diese Frage umformulieren in: Wie sollte man mit der AfD und ihren Anhängern umgehen?

Meines Erachtens ist eine komplette Ignorierung, die auf eine Zementierung der bestehenden gegenseitigen Abgrenzungen hinausläuft, nicht zielführend, zumal es über die bereits genannten Beispiele hinaus eine ganze Reihe von Punkten gibt, die – zumindest auf den ersten Blick – mehr oder weniger gemeinsam vertreten werden. Das reicht bis hin zu einem plakativ verkündeten Eintreten für das Humboldtsche Bildungsideal (!), das sogar in einem aktuellen AfD-Wahlflyer des Kreisverbandes Teltow-Fläming erwähnt worden ist.

Derartige Anknüpfungspunkte eignen sich als potenzielle „Aufhänger“ sachlicher Auseinandersetzungen, in deren Verlauf die Frage nach dem Zusammenpassen mit dem ebenfalls vertretenen Menschenbild gestellt werden kann. Voraussetzung ist allerdings ein auf beiden Seiten vorhandener guter Wille.

Und genau daran hapert es oft, weshalb der Einwand, wonach sich in Anbetracht unserer mittlerweile tief gespaltenen und zersplitterten Gesellschaft ein solcher Versuch schon gar nicht mehr lohnt, nicht leicht zu entkräften ist. Umso ermutigender fand ich den kürzlich bekannt gewordenen „Like-Rekord“, den Obama mit seinem Twittter-Zitat erzielt hat. Damit meine ich die von Nelson Mandela stammenden Worte, die Obama anlässlich der rassistischen und von Trump nur halbherzig verurteilten Ausschreitungen in Charlottesville zitiert hat: „Niemand hasst von Geburt an jemanden aufgrund dessen Hautfarbe, dessen Herkunft oder dessen Religion.“

Bei einer Zustimmungsrate von 2,9 Millionen kann davon ausgegangen werden, dass das Wissen um unsere ursprüngliche Zusammengehörigkeit noch immer bei vielen Menschen vorhanden ist. Von da aus ist es vielleicht gar kein so großer Schritt bis zu der Erkenntnis, dass es zwischen den brutalen Entgrenzungen und den angstbesetzten und zugleich menschenverachtenden Abgrenzungsversuchen einen engen Zusammenhang gibt. Und dann könnte es auch zu einer Wiederentdeckung des schon einmal vorhandenen Wissens kommen: Auch wenn es nicht mehr viele Arbeiter im „klassischen“ Sinne gibt, so ist es doch bei der für den Kapitalismus typischen Zweiteilung geblieben. Den allein profitierenden Mächtigen stehen – ungeachtet quantitativer und qualitativer Unterschiede – die in Abhängigkeit lebenden Beherrschten gegenüber.

Bei einer solchen „Rückbesinnung“ müssten wir nicht einmal auf den jetzt mit Abgrenzung verbundenen „Identitätseffekt“ verzichten, da ein wohliges „Wir-Gefühl“ schließlich auch ganz anders (d.h. ohne künstliche Trennung nach menschenverachtenden Kriterien) entwickelt werden kann.

Kinderfreundliche Schulen machen es uns vor: Völlig unabhängig von äußeren Merkmalen empfinden sich Schüler und Lehrer als Gemeinschaft und sind stolz auf ihre jeweilige Schule. Wieder einmal haben Kinder es uns Erwachsenen um Welten voraus.

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Die festgefahrene SPD. Dank Schulz.

Schulz-Effekt: Vor einigen Monaten war das der Moment, an dem die Sozis glaubten, sie zögen sich am eigenen Schopf aus der Misere. Heute meint er etwas anderes: Die Verfestigung der Sozialdemokratie in politischer Bedeutungslosigkeit.

Alter Schulz-Effekt (Stand: I. Quartal 2017)

Am Anfang dieses Jahres gab es ein neues Wort im Duden des politischen Feuilletons: Den Schulz-Effekt. Damit waren die verbesserten Zahlen bei den Demoskopen gemeint, das prozentuale Gleichziehen mit der Union und die Hoffnung der Sozialdemokraten, als Partei doch wieder eine Rolle in diesem Lande zu spielen. Nicht als Steigbügelhalter, sondern als diejenigen, die in den Sattel steigen. Der Schulz-Effekt meinte eine Dynamik, die in Gang kam und von der man vermutete, sie hänge entweder mit dem rhetorischen Talent des Namensgebers zusammen oder aber mit dessen Glaubhaftigkeit – wahrscheinlich aber mit beidem.

Er sprach ja auch viel von Gerechtigkeit, sozialer Gerechtigkeit genauer gesagt. Davon Menschen nicht mehr aufzugeben, sie wieder ins Boot zurückzuholen. Besonders die hart arbeitenden Menschen sollten nicht die Zeche zahlen müssen. Recht viel mehr kam da nicht, konkreter wurden seine Absichten selten formuliert. Seine Taten jedoch, oder besser gesagt seine Pläne, unterstrichen dann nur eines: Da passen Reden und Vorhaben nicht so richtig zusammen. Kaum hatte er beispielsweise die neoliberalen Zwänge auf einem internationalen Treffen von sozialdemokratischen Parteien thematisiert und so die Sozis zu Getriebenen stilisiert, segnete man ohne Not die ersten Schritte zur Privatisierung der Autobahn ab.

Neuer Schulz-Effekt (Stand: III. Quartal 2017)

Vom Schulz-Effekt spricht heute keiner mehr. Dabei gibt es einen neuerlichen Schulz-Effekt, der mit dem Begriff von vor sechs Monaten gar nichts mehr Qualitatives gemein hat. Der heutige Schulz-Effekt ist ein Zustand der Agonie, der Verfestigung einer Partei in ihrer eigenen Unzulänglichkeit – und das in einem Klima des gekünstelten Aufbruchs. Schulz war nicht der messianische Retter, die eschatologische Oase nach langen Wüstenjahren, sondern er hat sich im Laufe dieses Jahres als unvorstellbares Missverständnis erwiesen. Der mit 100 Prozent ausgestattete Aufbruch war ein hundertprozentiger Einbruch, der sich gut als etwas Gegenteiliges verkappt hat. Der Schulz-Effekt war ein fataler Höhenrausch ohne Karabiner. Er ist so heimtückisch, weil er mit der Aussicht auf eine Erfolgsgeschichte in noch tiefere Agonie stieß.

Jetzt läuft die SPD Gefahr, bei der Bundestagswahl in guten drei Wochen, schlechter abzuschneiden als 2009. Damals erreichten die Partei gerade mal 23 Prozent der Stimmen – das war das schlechteste Ergebnis aller Zeiten. Mittlerweile verstetigt der Schulz-Effekt die SPD bei Umfragen bei 22 Prozent. Aus dem prognostizierten »So-gut-wie-lange-nicht-mehr« ist ein »So-schlecht-wie-nie-zuvor« geworden.

Im Schulz-Endeffekt

Die SPD hat sich festgefahren. Natürlich war sie das vor Schulz bereits, auch ein Kanzlerkandidat Gabriel hätte keine Wahl für sich entscheiden können, wäre aber auch nie der Abklatsch eines Hoffnungsträgers gewesen, womit etwaige enttäuschte Hoffnungen vermieden wären. Schulz muss man zum Vorwurf machen, dass er seine ohnehin strauchelnde Partei nur intern wachküsste. Innerhalb der Sozialdemokratie ist die Schwärmerei ausgebrochen und hat die Resignation verdrängt. Wo der Sozi vor Monaten noch mit der Republik haderte, weil er sich nicht richtig gewürdigt sah, obgleich die Politik seiner Partei Deutschland angeblich so wettbewerbsfähig machte, obwohl sie den Mindestlohn brachte, da schwärmt er heute für den Geist des Aufbruchs, packt an, glaubt an den Wahlsieg und betrachtet Schulz als einen Lebensspender.

Kurz gesagt, im Schulz-Endeffekt hat der Mann seine Partei im Dämmerzustand verewigt, ihr ein Fundament in der Bedeutungslosigkeit der Bundespolitik gegossen, den Krisen-Sozis keinen Ausweg aus ihrer Misere aufgezeigt, sondern ein Arrangement mit derselben. Schulz ist als Aufbruch gescheitert und endete im Abfinden mit der Situation. Bei Gabriel wusste selbst die SPD-Basis, dass der eigene Verein in einer Krise steckt; Gabriel war die inkarnierte Krisenhaftigkeit der Sozialdemokratie. Sah man ihn, so wusste selbst der Besitzer des roten Parteibuches, dass man in schlimmen Zeiten steckte. Bei Schulz ist diese Gewissheit aufgeweicht. Zwar scheint die SPD weiter abzugleiten, einen neuen Negativrekord einzuleiten, aber irgendwie ist es, als klingen in den Ortsvereinen trotzdem die Glöckchen der Seligkeit und keiner merkt so richtig, wie die SPD mehr und mehr an Rückhalt verliert.

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Die rechtsfaschistische Justiz Hamburgs wehrt sich

Flaschenwürfe sind kein politisches Argument, sondern kriminelle Blödheit. 31 Monate für zwei Pullen aber, die niemanden verletzten, sind juristisches Draufhauen, ein Terrorurteil, also politisch motiviert. Es steht in der Hamburger Tradition von Richter »Gnadenlos« Ronald Schill. Der war 2001 durch Hilfe von Bild mit 19,4 Prozent für seine Partei in die Bürgerschaft und auf den Sitz des Zweiten Bürgermeisters und Innensenators gehievt worden. Im Wahlkampf hatte er die Kastration von Sexualstraftätern proklamiert, im Bundestag erregte er sich als Vertreter der Hansestadt 2002 über Einwanderer. Diese Bagage hat außer der Blut- und Boden-Gebetsmühle – »Deutschland muss sich gegen seine Abschaffung durch Zuwanderer wehren« – seit Ende des 19. Jahrhunderts nie etwas anderes geboten. Die Ideologie bewährte sich vor und in zwei Weltkriegen, völkischer Nationalismus ist das stabile Fundament der Bundeswehr in jedem ihrer völkerrechts- und verfassungswidrigen Kriege. Nicht-deutsche Leben und die von Linken zählen nicht. Wer so tickt und sich im Internet zur Tötung von Politikern verabredet, wird am Tag des Urteils von Hamburg vom Generalbundesanwalt mit Wattebäuschchen beworfen.

Vermutlich war wieder einmal kein politisches Motiv erkennbar. So gehört sich das. Beispiel: Die Bundesregierung weiß angeblich nur von 73 Morden aus faschistischer Gesinnung seit 1990, tatsächlich sind es fast 180. Staatlich betreutes Morden, lässt sich sagen, ist ein Kennzeichen dieses Landes, kommt nur in keiner staatsbürgerlichen Unterweisung vor. Beispiel: Analog erklärt der Hamburger Senat, für von Neonazis im Jahr 1980 ermordete Vietnamesen keinen Gedenkort finden zu können. Beispiel: 2012 beschimpfte der heutige Staatssekretär im Bundeskanzleramt und Beauftragte für die Geheimdienste, Klaus-Dieter Fritsche, den NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages sinngemäß, der untergrabe durch Aufklärung Regierungshandeln. Auch Abgeordnete sind nur Untertanen mit beschränktem Verstand.

Mit der Kandidatur höherer Richter für die AfD, mit G 20 und der Inszenierung von Bürgerkrieg – den Einsatzleiter der Polizei Hartmut Dudde hatte einst Schill an die Elbe geholt –, mit der öffentlich gewordenen Gehorsamsverweigerung von Generälen gegen die zuständige Ministerin tritt allerdings etwas zutage, was über bloße Arroganz von Mächtigen hinausgeht. Es bildet sich heraus, was Faschisierung des Apparats ist, ein Funktionsfaschismus: Mehr Effizienz, damit die Gesellschaft wieder zusammenhält. Das reagiert auf deren reale Spaltung. Wo die höhere Exekutive bis zum verbalen Aufstand gegen die Legislative geht, sind die Elemente eines institutionellen Staatsstreichs in Vorbereitung. Die Bundeswehr ist von Ursprung und heutiger Verfassung her ein Teil des schleichenden Aufstands gegen ein angebliches Versagen von Politik und Gesellschaft. Das brutale Urteil von Hamburg ist Wasser auf diese Mühlen.

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Die ziemlich bessere zweite Hälfte

Es gibt kaum eine verletzendere Situation als die, dem Menschen, den Du liebst, nahe sein zu wollen und Du es nicht darfst. Besonders wenn dieser Mensch diese Nähe im Moment so brauchen könnte. Ihm vielleicht sogar gut tun würde. Und wenn es nur ein Schweigendes nahe sein wäre.

Und dann kommt eine Zeit, in der Du Stärke beweisen möchtest, in der Du alle Deine Kraft investierst, in der alle anderen Dinge in den hintersten Hintergrund gedrängt werden, in der Du Anlauf nimmst und Du mit einem Schlag ins Gesicht so fallen gelassen wirst, dass Dir schon das Atmen wehtut.

Ich für Dich? Wir für Dich? Du für Dich? Du für mich? Wir für uns? Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Liebe stärker ist als alles andere auf der Welt. Sollte es auch noch so steinig, so knüppelhart werden.

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Anarchie braucht grenzenlose Liebe

Wenn man meine politische Sozialisation betrachtet, so habe ich mit 14 oder 15 Jahren als Anarchist angefangen, um den Grad meiner Unangepasstheit danach schrittweise zu steigern. Ich hatte die Anarchie ganz instinktiv als mir zugehörig ergriffen, ohne damals überhaupt genau zu wissen, worum es dabei ging. Als ich anfing, politisch zu denken, war die Studentenbewegung schon Geschichte, die politischen Demonstrationen in den Schulen begannen erst Jahre später. Wichtig waren im Nachhinein betrachtet nicht so sehr die Inhalte meiner anarchistischen Überzeugungen (die waren damals noch sehr unausgereift) als meine Entschlossenheit, die Außenseiterrolle zu ergreifen. Mit meinen politischen Ansichten eckte ich nämlich nicht nur bei den Lehrern, sondern auch bei vielen Mitschülern an. Später, als ich schon über zwanzig war, befasste ich mich dann auch mit marxistischer Theorie, ging auch auf ein paar Demos, jedoch nie besonders eifrig und schon gar nicht in dem Ausmaß wie es ideologisch geschulte Studenten damals taten.

Anarchie – es gibt kaum einen politischen Begriff, der mehr missverstanden wird. Schon in jungen Jahren habe ich mich dagegen gewehrt, dass Anarchie mit Terror und Gewalt gleichgesetzt wird. Das ist nicht ihr Wesen, Anarchie ist vielmehr der Versuch, ein herrschaftsfreies Leben zu gestalten. Und dazu gehört eigentlich sehr viel Formwille, denn das Zusammenleben ohne Machtstrukturen will ja gestaltet werden. Was noch unbedingt dazugehört, ist Liebe – etwas, das man der Anarchie gerne abspricht, weil sie ja als Weltanschauung der Chaoten und Bombenbastler gilt. Anarchie muss eine liebevolle Gesellschaft sein, sonst funktioniert sie nicht. Ich muss zugeben, dass ich mich mit der anarchistischen Ideologie kaum auseinandergesetzt habe. Das macht auch Sinn, denn ich glaube, dass „anarchistische Ideologie“ ein Widerspruch in sich ist. Deshalb gibt es auch keine umfassende, geordnete Theorie dazu – vergleichbar mit dem „Kapital“ von Karl Marx. Anarchie muss lebendig bleiben und in der Praxis immer wieder neue entdeckt und erschaffen werden.

Wieder gilt: Wir sollten nicht dem Propagandagerede aufsitzen, wonach es eine „natürliche“ menschliche Konstante sei, dass es Herrscher und Beherrschte gibt. Was die Menschheit 6.000 Jahre lang falsch gemacht hat, kann jetzt endlich in einen Prozess der Veränderung eintreten. Schließlich ist die Geschichte von Herrschaft und Hierarchien auch eng mit dem Patriarchat verflochten, und das zeigt spätestens ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Auflösungserscheinungen. Wir müssen vielleicht ziemlich weit in die Geschichte zurückgehen, um zu einem völlig anderen Entwurf von Gesellschaft vorzudringen, von dem wir uns Ideen holen könnten. Das Matriarchat zum Beispiel war keineswegs nur ein umgekehrtes Patriarchat, eine „Herrschaft der Frauen“. Es muss eine Ordnung gewesen sein, die sich stärker an Organisationsformen der Kooperation und eines liebevollen Miteinanders orientiert hat.

Die Tatsache, dass wir jetzt eine Bundeskanzlerin haben, ändert nichts daran, dass sie als Frau im Rahmen eines autoritären, patriarchalischen Systems agiert. Wirkliche Anarchie wäre formlose Ordnung. Elisée Reclus nannte sie die „höchste Form der Ordnung“. Eine anarchistische Partei zu gründen, wäre sinnlos und widersprüchlich. Um die Gesellschaft lebendig zu halten, braucht es eine in Bewegung bleibende Empörung. Henry Miller hat den schönen Satz gesagt: „Als Künstler hat man quasi die Verpflichtung, Anarchist zu sein. Es gibt gar keine andere Möglichkeit.“ In genau diesem Sinn war meine Begeisterung für den Anarchismus auch eher instinkthaft und emotional, weniger durchdacht.

Die 68er-Bewegung war anfangs noch sehr anarchistisch und mit viel Lust und Spaß verbunden. Jeder wollte sich so frei wie möglich entwickeln. Später kamen dann die ersten Kadergruppen, und es war sowohl mit der Freiheit des Denkens als auch mit dem Spaß vorbei. Ich habe damals gelernt, dass die Ideologisierung wie auch jede Form von Fundamentalismus die Todfeinde des wahren Lebens sind. Sie ersticken jede Poesie, jede freie menschliche Entwicklung. Und obwohl ich mich grundsätzlich eher zu linken Positionen hingezogen fühle, bilden die, wenn sie zu dogmatisch daherkommen, keine Ausnahme.

Ich möchte eine Lanze brechen für die vielen vermeintlich kleinen Projekte, in denen Menschen das, was sie als ein besseres, authentischeres Leben erkannt haben, schon jetzt zu realisieren versuchen. Prinz Chaos II. hat in Thüringen ein Schloss gekauft und zur WG umgebaut. Durch Liedermacherfestivals, Treffen mit Asylbewerbern und andere Aktionen wurde daraus in wenigen Jahren ein Zentrum für alternative Kultur und für ein menschlicheres Miteinander. Derartige Projekte gibt es viele, nur selten finden sie sich in den Schlagzeilen der großen Magazine. Etwas Ähnliches wurde ja auch schon in den 70ern versucht, zum Beispiel in diversen Hippie-Kommunen. Gern wird von Gegnern hämisch darauf verwiesen, dass diese Projekte „gescheitert“ seien. Für mich sind sie nicht gescheitert. Es waren Versuche, die zeitlich begrenzt funktioniert haben, und es wird neue Versuche geben.

Eine der wenigen Möglichkeiten, politisch etwas zu gestalten, sind solche kleinen „Zellen“, die in ihrer Wirkung abstrahlen auf die Welt um sie herum. Jeder kann schon jetzt damit beginnen, zum Beispiel ein Wohnprojekt für Senioren zu gründen oder ein Modell der regionalen Selbstversorgung mit Energie und Lebensmitteln. Das Gute ist, dass man, um anzufangen, nicht auf die große „Weltrevolution“ zu warten braucht. Mehrere solcher „Zellen“ bilden zusammen schon ein Netzwerk, das die neue Wirklichkeit, die wir uns wünschen, in Aktion zeigt. Immer mehr Menschen werden das zur Kenntnis nehmen und beginnen, die alte Welt in Frage zu stellen. Es kann eine Dynamik in Gang kommen, die an einem bestimmten Punkt einen Bewusstseinssprung bewirkt.

Diese Möglichkeit, sich an konkreten, fortschrittlichen Projekten zu beteiligen, ist auch eine Antwort auf die Frage: „Was kann ich als Einzelner tun?“ Ein weiterer großer Vorteil dieses Modells der „sich vernetzenden Zellen des Neuen“ ist, dass sie keine Führer benötigen, höchstens Menschen, die als Inspirationsquelle dienen und praktische Verantwortung in Teilbereichen übernehmen. Die Geschichte hat gezeigt, dass Führer und Heilsbringer nichts taugen – auch nicht die der „linken“ Denkrichtung. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, wenn aus den von mir skizzierten Impulsen eine neue Schreckensherrschaft der Guten hervorginge. Kein Einzelner kann so klug sein, dass er die Lösung für alle Weltprobleme aus dem Ärmel zaubern kann. Nur vernetztes Bewusstsein ist in der Lage, das Neue, das wir momentan vielleicht noch nicht einmal erdenken können, konkret werden zu lassen. Denn alles, was wir ausschließlich rational konzipieren können, ist nicht wirklich neu. Das tatsächlich Revolutionäre lässt sich nur erahnen und erfühlen. Dichtung und Musik zum Beispiel sind hierfür wahrscheinlich geeignetere Medien als von Rechtgläubigen verfasste politische Manifeste. Ich glaube immer noch daran.

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Ich bin dann mal weg.

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Hin und Quer gedacht

Wer nach einer Welt ohne Verlierer strebt, der darf auch keine Welt der Sieger wollen.

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