Frau Merkels Kindermörder

Immer wieder bricht in deutschen Medien Jubel aus wenn in Saudi Arabien angebliche Reformen das düstere Licht der wahabitischen Diktatur erblicken. Das war so, als vor ein paar Jahren die Frauen tatsächlich Rad fahren durften und das ist jetzt so, weil der saudischen Hausfrau die Aufhebung des Autofahrverbots angekündigt wird. Immer wieder macht sich dann die redaktionelle Sprachpolizei bemerkbar: Mit Sprach-Arabesken wie dem „erzkonservativen Königreich“ wird der korrekte Begriff „islamistisches Terror-Regime“ schöngefärbt. Sorgenvoll fragt die gebildete ZEIT: „Wie viel Modernisierung verträgt ein Gottesstaat?“ Um dann zu einer interessanten These zu gelangen: „Die Massenverhaftungen in Saudi-Arabien zeigen: Der saudische Kronprinz will das Land von Grund auf reformieren.“ Das wird die Massen der Verhafteten aber freuen. Fest an der Seite des saudischen Regimes zeigt sich auch die FAZ. Unter einem Bild fröhlicher Frauen im Konfetti-Regen erklärt das Zentralorgan der Banken und Versicherungen: „Kronprinz Muhammad Bin Salman nimmt in diesen Tagen in Saudi-Arabien die Zügel fest in seine Hand. Er verfolgt dabei das Ziel, das Königreich auf ein neues Fundament zu stellen.“ So geht Hofberichterstattung. Doch die SÜDDEUTSCHE kann den aristokratischen Speichel noch gründlicher lecken: Sie spürt einen „Hauch von Frühling am Golf“. Da wird ein Machtkampf in einer Mördersippe zum arabischen Frühling umgedeutet. Korrupter kann es nur noch der Deutschlandfunk: „Nach Verhaftungswelle / Saudi-Arabiens Kronprinz im Kampf gegen Korruption“. So übernimmt der deutsche Regierungssender ungeprüft und unbewiesen die offizielle Version des arabischen Regimes und lobt den Vorgang als „beispiellose Aktion von Kronprinz Mohammad bin Salman . . . mit großer Zielstrebigkeit.“

Zielstrebig ist auch der Ausbau saudischer Macht im Nachbarland Jemen. Klare Worte zum Krieg der Saudis gegen die jemenitische Zivilbevölkerung finden sich in deutschen Medien eher selten. So wie die „Tagesschau“ objektivieren sie das Elend lieber mit solchen Formulierungen „Humanitäre Katastrophe im Jemen / Ein Land rast auf den Abgrund zu“. Als habe irgendjemand am jemenitischen Staats-Auto die Bremse gelöst, als gäbe es keine Schuld und so auch keine Schuldigen. Schon ein Blick über die Grenze, in die „Neue Zürcher Zeitung“, würde zur Klarheit beitragen: „Eines der reichsten Länder der Welt bombardiert eines der ärmsten Länder der Welt. Tausende Menschen sterben. Millionen sind auf der Flucht, doch außer Landes schafft es kaum einer. Die Grenze im Norden ist abgeriegelt, im Süden liegt das Meer. Alle Häfen und Flughäfen sind geschlossen. Lebensmittel und Medikamente gelangen nicht mehr ins Land. Die Cholera breitet sich aus. Eine Hungersnot ist im Kommen – es könnte die weltweit größte seit Jahrzehnten sein, wie die Vereinten Nationen warnen.“

Aber das saudische Regime ist nicht allein bei seiner Strangulierung der Jemeniten. Ziemlich tapfer helfen die USA, Frankreich und Großbritannien dem Krieg und dem Hunger logistisch auf die Sprünge. Unendlich tapfer hat sich Angela Merkel zum Thema gemeldet, als sie die guten Kunden der deutschen Waffenindustrie noch im April in Dschidda besuchte: „Wir setzen auf den Uno-geführten Prozess einer diplomatischen Lösung“. Ihr Ton und ihre Wortwahl klangen als habe es sich um einen netten Nachbarschaftsstreit im Kleingartenverein gehandelt. Kurz zuvor hatte ihre Regierung noch neue Waffenexporte an die Saudis durchgewinkt. Immerhin kuschelt man mit den Königen und Prinzen in einer NATO-Agentur. Im gemeinsamen Lenkungsausschuss (Joint Steering Committee). Der „NATO Eurofighter and Tornado Management Agency“. Die sitzt in Unterhaching bei München. Diese zwischenstaatliche Agentur schließt für die Nutzerstaaten der Kampfflugzeuge alle Entwicklungs-, Produktions- und Logistikverträge mit der Industrie und legt zum Beispiel fest, welche Komponenten wann neu in die Flugzeuge integriert werden sollen. Da lassen sich Bombardements aller Art einfach besser lenken.

Das Bündnis mit den Saudis bedarf dringend der Tarnung. Wer will sich schon mit Kindermördern im NATO-Bett erwischen lassen. Denn die Blockade der jemenitischen Grenzen und Flughäfen durch saudische Truppen kostet jeden Tag den Tod hunderter Kinder. Während in Berlin noch Demokratie vorgespielt wird, während keine Zeitung, keine Sendung zur Zeit ohne die Frage abgeht, ob es denn nicht ein paar Jamaika-Posten mehr sein dürfen, müssen die deutschen Medien-Konsumenten dringend ruhig gestellt werden: Die Saudis wollen doch nur spielen, ist die Botschaft, die mit den rührenden Nachrichten über saudische „Reformen“ verbunden sind. Ja, die arabische Diktatur ist als Partner von offiziellen Demokratien ein wenig peinlich, aber die deutsche Rüstungsindustrie verdient doch super an ihr. Und gerade jetzt, wo die Bundesregierung plant, die Rüstungsausgaben nahezu zu verdoppeln, kann man eine Störung des einträglichen Business wirklich nicht brauchen. Da sind Kinderleichen und Zusammenhänge einfach nicht präsentabel.

Damit dieses widerliche Geschäft doch gestört wird, rappelt sich gerade die deutsche Friedensbewegung wieder auf. Auch wenn der Name der Saudis nicht in ihrem jüngsten Aufruf vorkommt, auch wenn nicht einmal die Rüstungsindustrie erwähnt wird, ist dieser Satz im Aufruf die richtige Kampfansage: „Keine Erhöhung der Rüstungsausgaben – Abrüsten ist das Gebot der Stunde“. Denn Abrüstung wäre der Tod der Kriegs-Industrie. Das wäre endlich mal eine Leiche, die mit Beifall ins Grab gesenkt werden könnte.

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Ressource: Stille

Stille ist eine knappe Ressource. Dabei beweisen Studien, dass Stille das Wachstum neuer Gehirnzellen und das Ruhezustandsnetzwerk im Gehirn anregt.

Die Wissenschaft entdeckt die Stille, den Müßiggang, das Nichtstun und das Tagträumen. Nachdem der Tagtraum lange Zeit auch für Wissenschaftler eine eher banale Randerscheinung war, haben nun Psychologen, Neurowissenschaftler, Therapeuten und Künstler vieles über die Stille und das Tagträumen herausgefunden. Tagträume sind nicht das Produkt von realitätsfremden Romantikern, Fantasten oder Verlierern. Die Hirnforscher wissen heute, wie ungeheuer wichtig diese Ausflüge in die Innenwelt für die Persönlichkeitsentwicklung und die geistige Gesundheit sind. Tagträume stellen beispielsweise eine wirksame Form des Gefühlsmanagements dar. Die Stille kann uns innerlich beruhigen, trösten oder erfreuen, wenn die Außenwelt uns ärgert, kränkt oder langweilt.

Ernst Pöppel, Professor für medizinische Psychologie an der Universität München, hält Stille für eine Erholungsreise für das Gehirn: „Stille ist essenziell, um sich konzentrieren zu können. Sie nimmt den Druck von uns, der durch den Lärm von außen entsteht. Diese Erholungsphasen sind wichtig für unser Wohlbefinden, darüber hinaus aber auch für unsere Fähigkeit zu denken. Wenn ganz Deutschland jeden Tag für eine Stunde nicht kommunizieren würde, dann hätten wir hier den größten Innovations- und Kreativitätsschub, den man sich vorstellen kann.“

Viele Menschen haben Angst vor der Stille und empfinden sie sogar als Bedrohung. Nach Professor Pöppel liegt das daran, dass Stille mit Einsamkeit und Geräusche mit einem Gefühl der Zugehörigkeit assoziiert werden: „Die Angewohnheit, zu Hause ständig das Radio oder den Fernseher laufen zu lassen oder egal, wo man gerade ist, die Musik lautzudrehen, kommt einer Flucht vor dem Selbst gleich. Man muss gar nicht genau hinhören, was im Fernseher gesagt wird: Allein die Gesprächsfetzen vermitteln einem Sicherheit, das Gefühl der Zugehörigkeit.“

Dabei braucht die Innenwelt Rückzugsmöglichkeiten der Stille, und das nicht nur während des Schlafs, sondern auch tagsüber. So fand eine Studie heraus, dass etwa zwei stille Stunden pro Tag das Wachstum neuer Gehirnzellen im Hippocampus anregen. Der Hippocampus ist für Emotionen, Gedächtnis und Lernen zuständig. Auch die Verknüpfung zum restlichen Gehirn fehlt dabei nicht, so können die frisch entwickelten Zellen auch andere Systemfunktionen übernehmen. Pausenlose akustische Reize ermüden das Gehirn, die Konzentrationsfähigkeit sinkt, die mentale Ermüdung setzt ein. Da wir unsere Ohren nicht so einfach wie die Augen verschließen können, besteht zur bewussten Regeneration nur die Möglichkeit, einen wirklich stillen Ort aufzusuchen. Ein paar Minuten Stille und ein paar Atemzüge an der frischen Luft reichen schon, um sich wieder zu konzentrieren.

Sind die äußeren Reize für eine Weile lahmgelegt, tritt ein sogenanntes Ruhezustandsnetzwerk im Gehirn in Kraft, das uns Zugang bietet zu unseren Emotionen und innersten Erfahrungen. So finden wir ganz wörtlich wieder zu uns selbst, kreative Prozesse werden angestoßen und Informationen sortiert. Wer regelmäßig Waldspaziergänge macht, Friedhöfe besucht oder meditiert, sorgt für Entspannung, körperliches Wohlbefinden und emotionale Ausgeglichenheit.

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Und tschüss. Schön, Dich gesehen zu haben.

Mücken – lästig. Regenwürmer – eklig. Bienen? Ich bin schon mal von einer gestochen worden. Vögel? Ganz nett, aber eine entbehrliche Dreingabe zu unserem Leben, in dem vor allem das Starren auf Bildschirme dominiert. Und einen Tiger hat sowieso noch niemand in freier Wildbahn gesehen. Wäre auch gar nicht wünschenswert, sind ja gefährlich. Warum also müssen all diese Tierarten unbedingt überleben? Notfalls kann man ja einen Tierfilm mit computeranimierten Altspezies streamen! Gleichgültigkeit dominiert die Reaktion von Politik und Öffentlichkeit gegenüber dieser höchst gefährlichen und tief traurigen Entwicklung: dem Artensterben, das vor ein paar Tagen mal – vor allem in Form des Insektensterbens – durch die Presse ging. Aufwachen, Leute! Jedes Leben ist von unschätzbarem Wert, und alles ist mit allem verbunden. Die „Krone der Schöpfung“ wird ohne den Rest der Schöpfung nicht überleben können.

Wie die Zeit verfliegt, es sind tatsächlich schon wieder zehn Minuten vorbei. Time to say goodbye! Auch wenn ich nicht weiß, wen es erwischt hat, halte ich eine stille Gedenkminute ab. Wie alle zehn Minuten. Das mache ich bereits seit Jahren.

Wer weiß, ob es diesmal ein Fisch, ein Hai, ein Frosch, ein Insekt oder ein Vogel war. Es geht jedenfalls rasend schnell. Ich sehe gerade, es sind schon wieder zehn Minuten vergangen. Ich halte kurz inne.

In den letzten 540 Millionen Jahren ist es bereits fünfmal passiert. Große Artensterben treten also im Schnitt nur alle 100 Millionen Jahre auf. Vor 66 Millionen Jahren ist es zum letzten Mal passiert – damals verabschiedeten sich über die Hälfte aller Tierarten, darunter die Dinosaurier. Man geht aktuell davon aus, dass dies durch den Einschlag eines Meteoriten verursacht wurde. Wobei man hier vorsichtig sein muss – nur weil 50% der Tierarten das große Sterben überlebt haben, bedeutet das nicht, dass sie völlig ungeschoren davonkamen. Es kam nur nicht zur vollständigen Ausrottung. Eine Katastrophe war es definitiv für alle Arten.

Schon wieder sind zehn Minuten vorbei. Ich gedenke der nächsten, gerade eben ausgestorbenen Art.

Artensterben bleibt nicht folgenlos. Stirbt eine Art aus, tritt in Ökosystemen, in denen sie zuhause war, oft ein Ungleichgewicht ein. Die Art kann dann ihre Aufgabe für das große Ganze nicht mehr erfüllen. Was das bedeuten kann, sehen wir bereits an vielen Orten der Welt am Beispiel der Biene. In China müssen Bäume teilweise per Hand bestäubt werden. Menschen klettern auf Leitern die Bäume hoch und bestäuben die Apfelbäume – extrem umständlich, aber alternativlos, wenn man auch weiterhin Essen haben möchte. Die Biene ist natürlich noch nicht ausgestorben, aber die weltweite Population geht zurück. Mit diesen Konsequenzen haben wir schon jetzt zu kämpfen. Wie sagte Albert Einstein so schön? „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.“

Aber nicht nur Bienen erfüllen einen wichtigen Zweck im System, viele andere Tierarten sind ebenfalls sehr wichtig, beispielsweise weil sie anderen Lebewesen als Nahrung dienen.

Und gerade ist die nächste Art ausgestorben, die nächste Gedenkminute beginnt.

Es gibt mittlerweile weniger als 2.000 Pandas auf der Erde. Von 100.000 Tigern, die im Jahr 1920 noch die Erde bewohnten, sind keine 4.000 mehr übrig. Mehrere Nashorn-Arten sind vom Aussterben bedroht. Auch Menschenaffen, Löwen, Elefanten, Seeadler, Wale und Bären sind gefährdet – neben unzähligen anderen weniger spektakulären Arten. Die größten Bestände großer, gefährdeter Säugetiere gibt es noch in Zoos und Nationalparks; in freier Wildbahn gibt es weniger und weniger von ihnen. Eines Tages wird man sich die Tiere, wenn überhaupt, nur noch im Zoo anschauen können. Oder sie sterben einfach komplett aus.

Die nächste Art hat uns eben verlassen, es sind schon wieder zehn Minuten vergangen.

58.000 Arten verschwinden jährlich von unserem Planeten. Das sind alle 17 Jahre eine Million Arten. Sie sterben aus – für immer. Der Prozess ist unumkehrbar. Stirbt der letzte Panda, wird es nie wieder Pandas geben. Wir leben in der Epoche des sechsten großen Artensterbens. Die natürliche Aussterberate hat sich drastisch erhöht. Nicht ein bisschen, sondern um das 1.000- bis 10.000-fache der normalen Rate. Von 1970 bis 2010 sind auf der Welt die Hälfte aller Säu-getier-, Vogel-, Reptilien- und Fischspezies ausgestorben. Es werden weniger und weniger. Ich halte meine nächste Gedenkminute ab.

Zweifel an den Gründen für das Artensterben gibt es keine – es ist die Schuld einer einzigen Art. Einer Spezies, die auf zwei Beinen durch die Welt läuft und sich für die intelligenteste von allen hält, dabei aber eine gigantische Spur der Zerstörung hinterlässt. In den letzten 100 Jahren sind 50% aller Wälder weltweit gerodet worden. Die Meere sind voller Müll und werden gleichzeitig massiv überfischt. Der Klimawandel macht den Tieren weiter zu schaffen; hinzu kommen die extrem negativen Auswirkungen von Monokulturen und der gezielte Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln. Der massive Gebrauch von Gülle verpestet die Umwelt weiter. Ganz nebenbei gibt es natürlich auch noch die Jagd, die meist damit begründet wird, dass es Spaß macht, Elefanten zu erschießen oder einträglich ist, Elfenbein zu verkaufen.

Die nächste Art hat uns eben verlassen, auf Nimmerwiedersehen.

Aber warum roden wir eigentlich Wälder? Um Platz für den Anbau von Lebensmitteln zu schaffen. Diese benötigen wir, um den großen Hunger nach Fleisch zu stillen. Der Klimawandel wird hauptsächlich durch den Fleischkonsum vorangetrieben, und auch das Leerfischen der Meere hat seinen Hauptgrund darin, dass wir die Fische essen wollen.

Ich zünde eine Kerze an für die nächste ausgerottete Art. Leb wohl!

Es gibt aber auch Arten, die sich prächtig entwickeln, trotz Artensterbens und Klimawandel. Knapp eine Milliarde Schweine gibt es auf der Welt. Dazu mehr als 1,5 Milliarden Rinder mit einer Gesamtmasse, die das doppelte des Gewichts aller Menschen der Welt ausmacht. Von 1970 bis 2010, in der Zeit, in der die Hälfte aller Tierarten auf diesem Planeten ausgestorben sind, hat sich der Bestand an Hühnern weltweit vervierfacht – von fünf Milliarden auf zwanzig Milliarden Tiere.

Zumindest geht es nicht allen Arten schlecht, denke ich mir, während ich die nächste Gedenkminute einlege. Wenn wir so weiter machen, werden wir irgendwann wirklich nur noch durch Teleskope blicken können, auf der Suche nach anderen Lebensformen. Wir sind nicht allein im Universum, es gibt unzählige fremde Spezies um uns herum – jedoch nicht auf entfernten Planeten, sondern hier auf der Erde. Wenn wir so weiter machen, sind wir aber schon bald allein – oder ebenfalls ausgestorben.

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Die Ausgebeuteten: Endlich Rechte statt Mitleid!

„Das Recht des Stärkeren setzt sich souverän über das Menschenrecht hinweg. Die von Weltbank und Internationalem Währungsfonds – dominiert von den reichen kapitalistischen Ländern – gegen „Entwicklungsländer“ verhängten Strukturanpassungsprogramme sorgen seit vielen Jahren dafür, dass sich die Länder des Südens nicht entwickeln konnten. Neoliberale Zwangsmaßnahmen der Privatisierung und Deregulierung, der Öffnung der Märkte für private Investitionen, der Schaffung von Monokulturen für den Weltmarkt sorgten und sorgen für desolate Strukturen, Verarmung und Abhängigkeit der Länder.“

Täglich sterben 15.000 Kinder unter fünf Jahren an vermeidbaren Krankheiten. Mag sein, dass Menschen durch eine solche Nachricht berührt, vielleicht zum Nachdenken angeregt werden: Wenn die Krankheiten vermeidbar sind, warum müssen dann bis 2030 weitere 60 Millionen Kinder sterben, wie die UN vorrechnen? Es gibt dafür Gründe.

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Im UN-Sozialpakt, einem Teil der Menschenrechte, ist das Recht aller Völker auf Selbstbestimmung und auf freie Verfügung über ihre natürlichen Reichtümer verankert. Würde heute über den Abschluss dieses Vertragswerkes bei der UN verhandelt – und nicht schon 1966 -, dann würde sich Deutschland wohl mit fadenscheinigen Begründungen dagegen aussprechen. So wie es gegenwärtig im Schulterschluss mit den Arbeitgeber- und Industrieverbänden die Verhandlungen im UN-Menschenrechtsrat torpediert, die die Haftung transnationaler Konzerne bei Menschenrechtsverletzungen zum Ziel haben.

Stattdessen trachtet die politisch-wirtschaftliche Elite in Deutschland und in der EU lieber nach Abschluss von „Economic Partnership Agreements“ mit afrikanischen und karibischen Ländern und Staatengruppen; die Verträge sind allerdings weder so partnerschaftlich noch einvernehmlich, wie der schöne Titel suggerieren soll. Im Fall von Kenia etwa wird ein Vertragsabschluss von der EU mit wirtschaftlichem Druck geradezu erpresst. Denn diese Art „Freihandel“ dient einseitig den Interessen „unserer“ Konzerne. Sogar der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit Gerd Müller (CSU) hat sich zu der Feststellung hinreißen lassen: „Unser Wohlstand fußt auf Ausbeutung Afrikas. Afrika braucht fairen Handel statt freien Handel. Freier Markt heißt das Recht des Stärkeren.“

Das Recht des Stärkeren setzt sich souverän über das Menschenrecht hinweg. Die von Weltbank und Internationalem Währungsfonds – dominiert von den reichen kapitalistischen Ländern – gegen „Entwicklungsländer“ verhängten Strukturanpassungsprogramme sorgen seit vielen Jahren dafür, dass sich die Länder des Südens nicht entwickeln konnten. Neoliberale Zwangsmaßnahmen der Privatisierung und Deregulierung, der Öffnung der Märkte für private Investitionen, der Schaffung von Monokulturen für den Weltmarkt sorgten und sorgen für desolate Strukturen, Verarmung und Abhängigkeit der Länder. So paradox es erscheinen mag: Gerade die Länder mit unermesslichen Reichtümern an Bodenschätzen und natürlichen Rohstoffen gehören zu den ärmsten Staaten der Erde, in denen Hunger, Elend und Ausbeutung herrschen.

Statt Grundnahrungsmittel für die Menschen im Land zu anzubauen, setzen Investoren auf Exportartikel. Riesige Flächen werden aufgekauft, die einheimischen Bauern samt Familien vertrieben; die Konzerne betreiben dort industrielle Agrarwirtschaft mit hohem Energie- und Wasserverbrauch und dem massiven Einsatz von Pestiziden, Herbiziden und genverändertem Saatgut. Entwicklungshilfe? Die deutsche Politik hilft mit Steuergeldern lieber den Konzernen im Rahmen von öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP), um den Umbau kleinbäuerlicher Landwirtschaft zu Monokulturen etwa für Biodiesel zu vollenden und einheimische Märkte aufzumischen zugunsten einer Wirtschaft nach Profitinteressen. Die Gewinne fließen natürlich in die Konzernkassen; sollten Verluste entstehen, müssen die Steuerzahler einspringen. Die Vermeidung von Steuern gehört zum Geschäftsmodell und beträgt jährlich Hunderte von Milliarden.

Daran hat auch das G20-Treffen in Hamburg nichts geändert. Ein „Compact with Africa“ verfolgt das Ziel, die Bedingungen für private Investitionen zu verbessern. Interessanterweise soll auch die „Regulatorische Kooperation“ in die Verträge einfließen, die schon bei den „Freihandelsverträgen“ TTIP, CETA und TiSA heftig kritisiert wurde: Sie sichern nämlich den Lobbyisten der Konzerne direkten Einfluss auf die Gesetzgebung im Vorfeld parlamentarischer Beschlüsse.

Diese Prinzipien bestimmen die Politik von Deutschland: Profit vor Recht, Menschen sind egal. Die Wirtschaft braucht Rohstoffe, der Bedarf steigt und muss gesättigt werden. Die Verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundeswehr betonen in aller Deutlichkeit: „…Ausbreitung von Wüsten-, Wasser- und Bodenverknappung (…) und erhebliche Wohlstandsunterschiede, verbunden mit sozialen Disparitäten führen zu weltweiten Migrationsströmen. (…) Freie Handelswege und gesicherte Rohstoffversorgung (sind) für Zukunft Deutschlands von vitaler Bedeutung.“ Der Einsatz aller Mittel ist „Ausdruck nationalen Selbstbehauptungswillens.“ Diese Art Neokolonialismus führt zu den bekannten Folgen: Ein Drittel aller Menschenrechtsverletzungen geschehen bei der Gewinnung mineralischer und fossiler Rohstoffe. Laut UN sind 60% aller Konflikte in der Welt mit Abbau und Handel von Rohstoffen verbunden.

Klimawandel, Verdrängung lokaler Produzenten, Zerstörung einheimischer Märkte und der Lebensgrundlagen der Bauern und Fischer, Export subventionierter Lebensmittel, Junkfood, Steueroasen … die Reihe der Verbrechen gegen Menschlichkeit ließe sich lang aufzählen. Die katastrophalen Auswirkungen – so sind seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten 300 Millionen Tote durch Armut und Armutsfolgen zu beklagen, mehr als in allen Kriegen des 20. Jahrhunderts – sind bekannt und werden billigend in Kauf genommen. Eine EU-Studie zur Sicherheitspolitik drückt es klar aus: „Abschottungseinsätze – Schutz der Reichen dieser Welt vor den Spannungen und Problemen der Armen. Da der Anteil der armen, frustrierten Weltbevölkerung weiterhin sehr hoch sein wird, werden sich die Spannungen zwischen dieser Welt und der Welt der Reichen weiter verschärfen – mit entsprechenden Konsequenzen. Da es uns kaum gelingen wird, die Ursachen dieses Problems, d.h. die Funktionsstörungen der Gesellschaften, bis 2020 zu beseitigen, werden wir uns stärker abschotten müssen…“

Der Papst hat also recht: „Diese Wirtschaft tötet.“ Die Folgerung für alle, denen gerechte und menschenfreundliche Verhältnisse am Herzen liegen, heißt deshalb: Nicht Hochrüstung, militärische Abwehr und Bekämpfung der Flüchtlinge sind notwendig, sondern die Bekämpfung der Ursachen dieser Zustände.

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Warum unsere Demokratie ein Sanierungsfall ist

In Deutschland wurde im September gewählt – und das Image von Politikern bleibt grottenschlecht: Von 100 möglichen Punkten bekommt diese Berufsgruppe in einer Umfrage des Instituts Forsa gerade einmal 24 Pünktchen. Damit ernten die Volksvertreter weniger als ein Drittel der Anerkennung, die Müllmänner einsammeln. Grosse Teile der Bevölkerung trauen den Parteien nicht mehr zu, die Probleme zu lösen. Immer weniger Leute gehen wählen. Damit sinkt die Autorität des Parlaments und der Regierung, und die Entfremdung zwischen Gewählten und Wählern nimmt zu.

Für die Demokratie ist dies ein grosses Pro­blem. Im Grundgesetz der Bundesrepublik heisst es zum Beispiel: «Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.» Wenn das Volk die Abgeordneten und Regierungen aber nicht mehr als seine Vertretung wahrnimmt, steht die Frage im Raum: Warum haben die dann die Macht? Im Gebälk des Staatswesens knirscht und rumpelt es. Dumpfbackige Populisten versuchen das auszunutzen.
Soll verhindert werden, dass immer mehr rechte Bewegungen an Einfluss gewinnen oder Autokraten wie Donald Trump und Recep Erdoğan ans Ruder kommen, müssen viele Demokratien grundsaniert werden und ein neues, stabiles Fundament bekommen. Es gilt, die Entfremdung zwischen Repräsentanten und Repräsentierten zu überwinden. Aber wie?

Glücklich die Schweiz mit ihren vielen Volksabstimmungen. Doch für diese Form der direkten Demokratie braucht man eine gewisse Tradition, meint der belgische Psychologieprofessor Paul Verhaeghe, Autor des vor kurzem erschienenen Buches «Autorität und Verantwortung». «In Belgien und Deutschland funktioniert das nicht», sagt er. Deshalb plädiert er dafür, neu über das Verhältnis von Macht und Autorität nachzudenken. Wenn ein Vater heute sagt, dass er als Mann das natürliche Oberhaupt der Familie ist und deshalb bestimmen darf, macht er sich lächerlich. Genauso ist die Vorstellung nicht mehr zeitgemäss, dass Politiker von Amts wegen wissen, wo es langgeht. Selbst wenn sie ihre Macht nutzen und sich durchsetzen, fehlt ihnen doch die Anerkennung und damit die Basis von Autorität. In einer Demokratie kann das auf Dauer nicht gut gehen. Paul Verhaeghe schlägt deshalb vor, das politische System grundlegend umzubauen.

Längst ist klar: Gute Lösungen entstehen dann, wenn Leute mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen gemeinsam nachdenken und sich dabei gegenseitig beeinflussen. So könnte auch Demokratie in Deutschland, Belgien und anderswo künftig funktionieren. Bei wichtigen und kontroversen Fragen werden Menschen zusammengebracht, die ein möglichst gutes Spiegelbild der Gesellschaft darstellen: Junge, Mittelalte und Senioren, Frauen und Männer, Ureinwohner und Zugezogene, Menschen mit Doktortitel, mittlerer Reife und Schulabbrecher und was es an Kriterien sonst noch geben mag. Wenn solch repräsentative Gruppen ihre Argumente, Überzeugungen und Sichtweisen gleichberechtigt austauschen und gemeinsam Vorschläge entwickeln, hat das in der Bevölkerung eine hohe Autorität. Und anders als bei Volksabstimmungen können Lobbyisten hier kaum Einfluss nehmen.

Solche Gremien gibt es längst. An der Stanford Universität in den USA hat der Politikprofessor James Fishkin ein Institut aufgebaut, das gesellschaftliche Beratungsforen organisiert – sogenannte «Deliberative Polls». Partizipationsexperten wissen, dass es mühsam ist, eine repräsentative Gruppe zusammenzutrommeln. Um Lehrer und akademisch gebildete Senioren muss man nicht lange werben; Jugendliche, Menschen mit geringerer Bildung oder neu Zugewanderte sind dagegen schwerer einzubinden. Doch mit etwas gutem Willen gelingt es über kurz oder lang.
Ist die bunte Truppe beisammen, geht sie in Klausur. Dort bekommt sie alle nötigen Unterlagen, Fachleute stehen Red und Antwort. «Die positivste Erkenntnis unserer Deliberative Polls ist es, dass solche zufällig ausgewählten Gruppen sehr intelligent agieren», bilanziert Fishkin in einem Interview. Am Schluss listen sie nicht einfach alle Einzelinteressen oder die Ideen der Vorlautesten auf, sondern es entstehen gemeinwohlorientierte Vorschläge. Das klappt vor allem deswegen, weil die Beteiligten sich ihrer Verantwortung für künftige Entwicklungen bewusst sind, ist Fishkin überzeugt. Schliesslich sind die Gruppenvorschläge die Basis, auf der die Politiker anschliessend weiterarbeiten.

Welch erstaunliche Entwicklungen Deliberative Polls auslösen können, lässt sich in Texas beobachten, wo der weltgrösste Erdölkonzern ExxonMobil seine Zentrale hat. Dort organisierte Fishkin und sein Team 1996 bunte Bürgerteams, die die Energiepolitik von Stadtwerken weiterentwickeln sollten. Damals gab es in Texas so wenige Windräder wie nirgendwo sonst in den USA – heute nimmt der Staat die Spitzenposition ein, und die Mehrheit der Texaner ist bereit, für saubereren Strom mehr zu bezahlen.

Was es bedarf, um viele Demokratien wieder auf ein sicheres Fundament zu stellen, erscheint also klar: Die Entfremdung zwischen Wählern und Gewählten muss überwunden, die Aufgabenverteilung neu geregelt werden. Politiker sollten künftig die Intelligenz der Vielfalt organisieren und deren Vorschläge umsetzen. Nehmen sie diese neue Rolle an, haben sie sicher auch in Deutschland gute Aussichten, bald so viele Imagepunkte zu bekommen wie die Müllmänner.

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Konservativ links. Ein Widerspruch oder eine gesunde und zukunftsweisende Einstellung?

Nicht vor vermeintlichen „Flüchtlingsschwemmen“, vor „Überfremdung“, „Terrorgefahr“ oder „linker Gewalt“ müssen wir bewahrt werden – es ist die unsere Seelen überfordernde, übereilte und profitgetriebene „Schwemme“ technischer Innovationen, bei der Vorsicht geboten ist. Nicht alles Neue ist schlecht, und nicht alles Alte ist bewahrenswert – wir müssen uns aber die Freiheit erkämpfen, weiterhin wählen zu dürfen. Nicht der Zwang zum Download immer neuer Apps ist sinnvoller Fortschritt, dieser müsste sich vielmehr auf dem sozialen Sektor in Gestalt eines fortschreitenden menschlichen Umgangs miteinander vollziehen. Wenn jemand diese Haltung „konservativ“ nennt, meinetwegen. Ich finde sie schlicht vernünftig.

Computer- und Kommunikationsspielzeug ist, wie heute schon feststellbar, nicht nur eines von vielen skurrilen Interessengebieten, denen man frönen, denen man sich aber auch entziehen kann. Die Vorantreiber derartiger Technologien versuchen diese den Uninteressierten aggressiv aufzuzwingen, sie für alle Menschen verbindlich zu machen und Verweigerer abzustrafen, indem sie sie von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausschließen. Jeder der sich dem Neuen anschließt, trägt als Innovations-Opportunist und unbezahlter Werbeträger der Innovations-Anbieter dazu bei, die noch Unabhängigen an den Rand zu drängen.

Technische Hinterherhinkende gehören dementsprechend zu den Witzfiguren unserer Zeit. Sie haben die Ostfriesen und Blondinen als Lachnummern der Saison abgelöst. „Dieses Internet – ich glaube nicht, dass sich das durchsetzen wird“ sagt der tumbe Schlagersänger Bruce Berger in Simon Verhoevens Film „Männerherzen“. Ein Brüller im Kino. Es gibt ganze Karikaturenbände mit „Computerwitzen“, in denen ein Technik-Analphabet eine lebende Maus an seinen Computer anzuschließen versucht o.ä. Wer – wie vor 11 Jahren ja auch – ganz gut ohne Smartphone leben kann, gilt als eine Art Technik-Amish – analog zu jener US-amerikanischen Sekte, deren Mitglieder ohne Strom leben und mit der Pferdekutsche umherfahren.

Sind derartige Überlegungen „konservativ“? Dem Begriff haftet der Makel an, nach „rechts“ zu tendieren. Bilder des behäbigen Helmut Kohl, von Heino, Trachtenjanker und „Grün ist die Heide“ spuken bei diesem Wort durch unsere Köpfe. Wenn nicht Schlimmeres. Obwohl gerade auch Linke vom neoliberalen Modernisten gern als „Besitzstandswahrer“ beschimpft werden – also als Menschen, die bewahren möchten, was sich ihrer Meinung nach bewährt hat und was im Begriff ist, durch profitgetriebenen Reformwahn  zerstört zu werden. Und auch ökologisch engagierte Menschen möchten bewahren: ob sie das zu Bewahrende nun religiös aufgeladen als „Schöpfung“ oder schlicht als „Natur“ und „Umwelt“ bezeichnen.

Ich selbst stehe fremdenfeindlichen Weltanschauungen fern. Mein Begriff von „Heimat“ ist viel umfassender. Arbeitnehmern wird heute teilweise nicht einmal ein eigenes Zimmer gegönnt mit einer Wand drum herum, die sie mit Bildern schmücken können, die sie lieben. Sie müssen bereit sein, sich heute hier, morgen dort einzuloggen und wie Nomaden die beruflichen Menschlichkeitswüsten zu durchwandern. Die moderne Welt, das sind Großraumbüros oder Großraumabteile voll piepsender Handys und plappernder Wichtigtuer.

Wie konnte es so weit kommen? George Orwell erzählt von einem System, in dem es keine Solidarität mehr gibt außer zum Großen Bruder. Der Große Bruder von heute, das sind die Machtkartelle des Turbokapitalismus: Großkonzerne, Banken, willfährige Medien, unterstützende Technologie. Entwurzelte Menschen sind leichter manipulierbar, deshalb versuchen die technokratischen „Eliten“ alle bewahrenden Kräfte zu ironisieren. Ich selbst will den Status Quo nicht „einfrieren“. Entwicklung ist unvermeidlich und oft auch gut. Aber das Tempo der Veränderung muss sich den Menschen und ihren Bedürfnissen anpassen, nicht umgekehrt. Heute haben wir es geradezu mit einem Innovationsterror zu tun.

Die Menschheit hat es in allen Epochen versäumt, den Fortschritt einem „Glückstest“ zu unterwerfen – der Frage also, ob eine Veränderung die ihr unterworfenen Menschen tatsächlich zufriedener macht. Diesen Vorwurf erhebt auch der Bestseller-Autor Yuval Noah Harari in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Selbst die frühesten „Kulturrevolutionen“ – etwa der Übergang von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur sesshaften Agrargesellschaft – stehen bei ihm auf dem Prüfstand: „Obwohl sich Geschichtswissenschaftler mit fast jedem erdenklichen Thema beschäftigen – von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft über Geschlechter und Sexualität bis zu Krankheiten, Essen und Kleidung –, haben sie sich nie gefragt, welchen Einfluss das alles auf das Glück der Menschen hat. Das ist die größte Lücke in der Geschichtsschreibung.“

Es ist nicht unbedingt konservativ, es ist schlicht vernünftig und menschlich, die Zufriedenheit des Einzelnen und der Gemeinschaft als Ziel wirtschaftlichen Handelns anzuerkennen. Dazu braucht es die Freiheit, einen Lebensstil zu verwirklichen, der es der Seele erlaubt, zu atmen. Für viele Menschen bedeutet das: ein genügsames Leben ohne Hetze, erfüllende menschliche Beziehungen, Naturbezug und eine gesunde Balance von Leben und Arbeiten.

Leider gelten zufriedene Menschen aber heute als Feinde einer florierenden Wirtschaft. Sie weigern sich, den Herstellern von technischem Schnickschnack als Zielgruppe zur Verfügung zu stehen. Die Industrie geht deshalb immer mehr dazu über, den Konsumanreiz durch Konsumzwang zu ersetzen. Ist der Drucker z.B. kaputt, behauptet der Hersteller, dass sich die Reparatur nicht lohne. Für den Preis bekommt man schon einen Neuen. Wird ein neuer Fernseher gekauft, muss ein HDMI-Kabel her, weil das Scart-Kabel nicht mehr kompatibel ist. Es herrscht der Zwang zum permanenten Update in immer kürzeren Rhythmen.

Ich interessiere mich für Natur, Musik und Fußball; andere Menschen interessieren sich für Literatur, für Physik oder über Technik – daran ist nichts Falsches. Jedes dieser Interessengebiete hat seine Berechtigung. Das Problem ist nicht, dass es Computerbastler gibt, sondern dass sie unsere Epoche in ungesunder Weise dominieren – wie es sonst nur Politiker, Juristen, Banker und Militärs tun. Die ältere Dame, die verzweifelt vor dem Fahrkartenautomaten steht, keine Hilfe vom (nicht vorhandenen) Bahnpersonal bekommt und schließlich ganz auf Bahnfahrten verzichtet – diese Menschen werden von einer schnöseligen, profitgetriebenen Technokratie als irrelevant aussortiert.

Anfang des 20. Jahrhunderts war der Soldat das prägende Leitbild unserer Kultur. Wie in Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ wurden Fabrikarbeiter mit der Frage „Hab’n se jediehnt“ begrüßt.  Heute ist der Computer-Nerd dieses Leitbild. Ob wir wollen/können oder nicht – wir müssen, um im modernen Alltag überleben zu können, zumindest partiell so werden wir „die.“ Eine Zwangsbekehrung zur Religion der Smartphone-Enthusiasten findet derzeit statt. In der Folge verbrauchen wir viel Zeit und Energie, um mit Hilfe von Technologien Probleme zu lösen, die ohne sie gar nicht entstanden wären.

Gespräche unter Technik-Freaks klingen heute schon so, als würde man Außerirdischen in einem Science Fiction-Film zuhören, die mit dem mobilen Emitter die Deflektor-Phalanx rekalibrieren. Natur verbindet, Technik trennt. Das Erlebnis, am Waldrand ein rosa Büschel aus Lichtnelken zu bewundern oder ein Eichhörnchen beim Erklimmen eines Baums zu beobachten, teilen wir mit unseren Vorfahren. Heute verspotten mich Jugendliche, weil ich statt mit What’s App noch per Email kommuniziere, und für meine Mama sind selbst Emails ein Rätsel.

Es gibt in einer Gesellschaft normalerweise ein Gleichgewicht von progressiven und konservativen Kräften. Die einen treiben die Evolution voran, indem sie Visionen einer besseren Welt entwerfen. Die anderen prüfen, was ihnen angeboten wird und lehnen Teile des Neuen als untauglich ab. Ein ungesundes Übergewicht der konservativen Kräfte kann auch problematisch sein: „Unter den Talaren der Muff von 1.000 Jahren.“

Heute erleben wir aber die gegenteilige Übertreibung: die permanente, erzwungene, sich beschleunigende Innovation. Der Grund für diese Entwicklung? Der Kommerz! Er hat das Gleichgewicht zwischen Verändern und Bewahren zerstört, zugunsten einer Diktatur des Fortschritts. Wertbeständigkeit rechnet sich einfach nicht. Kleider, die zehn Jahre halten, oder Drucker, die 20 Jahre störungsfrei funktionieren, stören die Vermarktungsabsichten der Konzerne. Ein Gedichtband von Rilke, der die Seele über Jahre erfüllt, macht den Kauf unzähliger Modemagazine unnötig. Fortschritt ist ein Tarnbegriff, der die wahre Antriebskraft des Ökonomismus maskiert: den Profit.

Sozialisten, Umweltschützer und Konservative (im guten Sinn des Wortes) haben viel gemeinsam: die Vision eines guten Lebens, Fairness gegenüber allen Mitgeschöpfen, Gerechtigkeit und eine natürlichen Ordnung, die ungesunde Extreme meidet. Wir müssen uns die Freiheit wiedererkämpfen, prüfen zu dürfen, ob eine Innovation das Glücksniveau in der Gesellschaft eher erhöht oder verringert. Neue technische Geräte sind Vorschläge, Angebote für die Menschen, sie dürfen nie „imperativ“ auftreten. Das Sekundäre sollte dienen, nicht herrschen.

Fortschritt bedeutet nicht, die Menschen zu zwingen, TAN-Nummern in Handys zu tippen, es meint eine tatsächliche Verbesserung der Lebensumstände vieler Menschen. Es wäre also schon ein Fortschritt, wenn wir anfingen, zumindest in technischer Hinsicht wieder konservativer zu werden.

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SLIME „Sie wollen wieder schiessen (dürfen)“

Diese Jungs werden einfach nie müde. Ich liebe diese Band seit 29 Jahren. Gruß nach Hamburg. Der Kampf geht weiter.

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