Wegschauen oder engagieren? Wo positioniere ich mich?

„Wenn wir aufhören, die Demokratie weiterzuentwickeln, fängt die Demokratie an aufzuhören.“ Das hat Ute Scheub geschrieben. Es ist auch richtig, klingt aber irgendwie unsexy. „Demokratie“ weckt hier erst einmal Assoziationen von verstaubten Plenarsälen und scheint mir bis auf das Kreuzchen-Machen bei den Wahlen ziemlich weit weg zu sein. Und dann …. streift mein Blick die nächstbeste Zeitung und mir springen die haarsträubenden News von Trumps Pussy-Grabbing, AfD-Parolen und Fremdenhass ins Auge und ich versinke in einem Wechselbad aus Scham, Angst, Wut und Trauer. Und plötzlich sind das Politische und das Private wieder ganz nah beisammen.

In was für einer Gesellschaft will ich leben? Reicht es, wenn ich einfach Zuschauer der Ereignisse bleibe und all meine Energie auf mein eigenes Leben konzentriere? Zwar in Gemeinschaft, ökologisch, spirituell, aber doch recht überschaubar. Es braucht doch einen größeren politisch-sozialen Prozess, der unserem Gesellschaftskunstwerk immer wieder neues Leben einhaucht! Sonst finden wir uns tatsächlich irgendwann in einer Welt wieder, die Schwarz-Weiß-Denken über Pluralismus stellt und in der ich mich mit meinem Leben auf einmal als bedrohte Minderheit wiederfinde. Und klage dann über den Zustand der Welt und „die Bösen da draußen“. Alles keine völlig undenkbaren Szenarien.

Viel interessanter aber ist doch die Frage, was eigentlich in mir los ist. Wie verbinde ich mich überhaupt wieder mit der Lust, mich zu positionieren, mich einzumischen? Wo stehe ich und was hindert mich, einfach loszulegen?

Eine Bestandsaufnahme

Die innere Betrachtung dieser Frage fördert einiges zutage, das da im Weg liegt. Zum Beispiel der Zustand unserer politischen Kultur. Was ich davon mitbekomme, löst in mir einiges aus: Langeweile, Ärger, Verzweiflung, aber nur wenig Lust, mich zu beteiligen. Ich schätze die parlamentarische Demokratie und werde sicher wählen gehen, wenn es wieder soweit ist. Gleichzeitig scheinen mir allerdings viele politische Formen in unserer Gesellschaft angesichts der Schnelligkeit sozialer Netzwerke und der Wirksamkeit digitaler Plattformen seltsam starr und unkreativ. Aber wie können eine Positionierung und ein aktives Mitgestalten dann aussehen? Sind es Demonstrationen, Flashmobs, Unterschriftenaktionen? Oder geht es vielleicht darum, anderen meine Qualitäten im Raum-Halten zur Verfügung zu stellen, Prozesse zu moderieren? Und wie soll ich mich in einer politischen Kultur verorten, die ihre Energie vor allem aus dem Kampf gegen etwas oder gegen jemanden zieht? Denn die Lösung liegt bei Konflikten ja meist nicht in einer der beiden Positionen, die sich da streiten, sondern in etwas Drittem.

Im persönlichen Leben übe ich mich darin, die Spannung beider Positionen in mir sein zu lassen. Wenn der Raum in mir weit genug ist, um für beide Seiten präsent zu sein, kann etwas Neues geschehen. Soweit die Theorie. Manchmal gelingt es auch. Aber gilt das auch für politische Konflikte? Fühlt sich an wie ein Fall von zu hohem Anspruch: einerseits klar Position beziehen und andererseits den inneren Raum nicht verlieren. Oder geht es vielleicht weniger um das, was wir tun, als vielmehr darum, wie wir es tun? Also um eine Haltung von Liebe oder Angebunden-Sein in Diskussionen, Aktionen und konfliktreichen Situationen? Viele Fragen, wenig Klarheiten.

Aber so langsam wächst die Lust, mich genau darüber auszutauschen, mit Menschen, die Gleichgesinnte sind. Und wie gelingt es mir, bei all dem nicht auszubrennen? Der Wunsch, die Welt zu verbessern, kann eine Falle sein. Ideale sind Antreiber, aber wenn sie der einzige Maßstab unseres Handelns sind, ist es nie genug, sind wir nie am Ziel. Wir laufen auf immer und ewig dem Paradies hinterher. Also ist es vielleicht die Verbindung nach innen, die den Unterschied macht. Das Fühlen, den Körper und die eigene Präsenz nicht außen vor zu lassen. Politisches Handeln, das sich nicht nur im Denken erschöpft, sondern die anderen Quellen des Mensch-Seins mit dazu nimmt. Auch Kunst kann ein Weg sein, indem sie Risse in der Wahrnehmung der Realität erzeugt. So wie es das Institut für politische Schönheit seit einiger Zeit mit viel Radikalität und Strahlkraft vorführt.

Ein Gesellschaftskunstwerk

Ich habe auf jeden Fall Lust, Diskursfreude, Neugierde, Gestaltungslust und Kreativität zu wecken. Und möchte die Frage stellen, wie ich im Sinne von Beuys zu einem Künstler der ganz großen sozialen Plastik werde. Damit „etwas gegen das Bestehende gesetzt werden kann, als Vorbild, Vorschlag, Labor“ (Harald Welzer). Denn mein Anliegen ist: ein soziales und politisches Leben zu ent – decken, das auf Kooperation und Evolution basiert. Denn wir Menschen haben ja die Wahl, uns für das Bessere einzusetzen – inmitten und mit all unserer Unvollkommenheit und unserem Nichtwissen.

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