Der kriminelle, gewaltbereite Flüchtling – wie man Hass schürt

Eine aktuelle Studie offenbart: Flüchtlinge sind für den Anstieg der Gewaltkriminalität in Niedersachsen mitverantwortlich. Das macht Schlagzeilen, das bleibt hängen. Was übersehen wird, sind die Details. Doch auf die kommt es an.

Rechtspopulisten und Neonazis dürfte das wie gerufen kommen: Unter Tatverdächtigen, denen Mord, Totschlag, Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird, sind überdurchschnittlich viele Flüchtlinge. Das ist das Ergebnis einer Studie der Kriminologen Christian Pfeiffer, Sören Kliem und Dirk Baier, in Auftrag gegeben vom Bundesfamilienministerium. Gewalttätige Flüchtlinge – das sitzt. Von Rechten wird das triumphierend reduziert auf die Parole »Ausländer sind kriminell«. Sollte man die Ergebnisse des Gutachtens also lieber verschweigen, um kein Wasser auf die Mühlen rechter Populisten zu gießen? Natürlich nicht.

Es ist wichtig, genau hinzusehen. Zunächst gilt: Die Gewaltkriminalität war in den vergangenen Jahren laut Studie stark rückläufig. Zwischen 2007 und 2014 sind polizeilich registrierte Gewalttaten in Niedersachsen (nur dieses Bundesland hat die Studie untersucht) um 21,9 Prozent zurückgegangen. Das sind gute Nachrichten. Leider gehen sie unter, denn eine alte Journalistenweisheit besagt: »Only bad news are good news«.

Die schlechten Nachrichten: Junge Männer aus Tunesien, Algerien und Marokko neigen in Deutschland besonders häufig zu Gewalttaten. Das darf man weder verschweigen noch beschönigen oder rechtfertigen. Um die Situation in den Griff zu bekommen, reicht es aber nicht, nur zu fordern, kriminelle Ausländer schneller abzuschieben.

Was die Studie offenbart: Einige Details

Erstens: Zur Gewalt neigen besonders jene Asylbewerber, die eine schlechte Bleibeperspektive in Deutschland haben und dementsprechend perspektivlos sind: Nord-Afrikaner. Syrer, Iraker und Afghanen tauchen hingegen sehr viel seltener in den Kriminalstatistiken auf. Wer gute Chancen sehe, in Deutschland bleiben zu dürfen, »wird bemüht sein, diese Aussichten nicht durch Straftaten zu gefährden«, heißt es in der Studie. Zum anderen kommen vor allem jene jungen Maghrebiner nach Deutschland, die bereits in ihren Herkunftsländern am unteren Ende der Gesellschaft standen. Die gut Ausgebildeten bleiben in der Regel in ihrer Heimat, wenn dort Krieg und Verfolgung ein Leben nicht unmöglich machen.

Zweitens: Die Rede ist stets von Tatverdächtigen, nicht von verurteilten Tätern. Die Forscher betonen, dass Gewaltdelikte von Flüchtlingen viel häufiger angezeigt werden als die von Deutschen. Sie gehen davon aus, »dass Gewaltdelikte von Flüchtlingen im Vergleich zu denen deutscher Täter mindestens doppelt so oft angezeigt werden«. Explizit heißt es in der Studie: »Medien und Politik sollten auf diesen Verzerrungsfaktor hinweisen«. Tatsächlich geht dieser Aspekt leicht unter.

Drittens: In jedem Land der Welt sind die männlichen 14- bis 30-Jährigen bei Gewalt- und Sexualdelikten deutlich überrepräsentiert. Der Anteil von jungen Männern dieser Altersklasse ist unter Flüchtlingen allerdings deutlich höher als in der deutschen Bevölkerung insgesamt.

Viertens: Ein Großteil der Opfer von Gewalt durch Flüchtlinge sind selbst Geflüchtete. »Bei 90 Prozent der Tötungsdelikte, in denen Flüchtlinge als Verdächtige ermittelt wurden, seien andere Flüchtlinge oder Ausländer Opfer gewesen. Auch bei drei Vierteln der schweren Körperverletzungen durch Flüchtlinge seien andere Flüchtlinge und Ausländer Opfer«, berichtet der NDR mit Verweis auf die Studie. Zeit Online wies bereits im April 2017 in einer groß angelegten Untersuchung zu der Frage »Wie kriminell sind Flüchtlinge?« (basierend auf den Zahlen von Polizeistatistiken) daraufhin: »Die meisten der von tatverdächtigen Zuwanderern verübten einfachen und schweren Körperverletzungen finden in Flüchtlingsheimen statt«. Jüngst erstach ein Asylbewerber aus Syrien einen 39-jährigen Afghanen in einer Unterkunft im hessischen Hattersheim. Das hat freilich kaum jemand mitbekommen – das Opfer war ja »nur« ein Ausländer.

Fünftens: Männer schlagen eher zu, wenn die »gewaltpräventive, zivilisierende Wirkung, die von Frauen ausgeht«, fehle, heißt es in der Studie. Die Mehrheit der jungen, männlichen Flüchtlinge in Deutschland lebt hier ohne Partnerinnen, Mütter oder Schwestern, was zu einer Verrohung führe. Familienministerin Katarina Barley (SPD) forderte daraufhin, »eine gute und menschliche Regelung« für den Familiennachzug zu finden. Doch das ist nicht so einfach, denn Asylbewerber aus den Maghreb-Staaten haben meist keinen Anspruch auf Asyl und damit auch nicht auf Familiennachzug.

Dennoch gilt es, den Familiennachzug generell zu erleichtern. Aus Gründen der Menschlichkeit, als Mittel der Integration, und auch aus der Sicherheitsperspektive heraus. Der Kriminologe Christian Pfeiffer, einer der Autoren der Studie, betonte bereits im Dezember 2016 in einem Intervie, die Verweigerung des Familiennachzugs sei »aus kriminologischer Sicht das Falscheste, was man machen kann«. Er sagte ferner: »Wissen Sie, wann und wo es in Deutschland die meisten Vergewaltigungen gab? Das war in Heidelberg in den 1970er-Jahren, als dort viele einsame US-Soldaten stationiert waren. Leider hat die Politik daraus nicht gelernt«.

Die Details gehen unter. Zurück bleiben Vorurteile

Nun sind all diese Hinweise natürlich keine Entschuldigung für kriminelles Verhalten. Die Details zu kennen, ist jedoch essenziell, um in Diskussionen mit Rechtspopulisten dagegen halten zu können – und um die eigenen Klischees im Kopf zu durchbrechen.

Natürlich muss es möglich sein, Studien, die Gewalt durch Flüchtlinge thematisieren, öffentlich zu diskutieren. Gefährlich ist dabei jedoch das Ungleichgewicht: Das öffentliche Interesse am umgekehrten Phänomen – Gewalt gegen Flüchtlinge und Menschen, die dafür gehalten werden – ist gering. Deutlich mehr als 400 Angriffe auf Geflüchtete gab es zwischen Juli und September des vergangenen Jahres. Sie werden längst nicht mit derselben Vehemenz debattiert wie die neue Studie.

Aus Sicht von Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) trägt die Studie zur Versachlichung der aktuellen Debatte bei. »Wir dürfen das Thema Kriminalität von Flüchtlingen weder tabuisieren noch dramatisieren«. Da hat er Recht – doch das Ansinnen ist leider gescheitert. Denn allein die Kombination der Worte Flüchtling und Kriminalität lässt Emotionen hochkochen. Wer merkt sich schon die wichtigen Differenzierungen? Die Details gehen unter. Zurück bleiben Ängste, Vorurteile und Stigmatisierungen.

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