Ein Bericht von der Straße

Die europäische Freizügigkeit, offene Grenzen: Da treffen sich Neoliberale wie Linke gleichermaßen. Das ist doch was! Beide Seiten ignorieren dabei leider allzu häufig, dass ein regelrechter Armutswettbewerb entstanden ist. Ein Bericht von der Straße.

Bei der Obdachlosenweihnacht am Heiligen Abend ergab es sich, dass ich mit einem Obdachlosen tiefer ins Gespräch kam, der es geschafft hat, von der Straße wegzukommen. 16 Jahre lang war Thomas (nennen wir ihn einfach so) obdachlos, weil er harter Alkoholiker war. Seit sieben Monaten ist er nun trocken und hat ein Dach über dem Kopf. Jedenfalls hat er mir einen Einblick in ein solches Lebensmodell gewährt, wie man ihn sonst kaum auch nur erhaschen kann. Natürlich hätte er eine Wohnung bekommen können, erklärte er. Dass Obdachlosigkeit grundsätzlich ein gesellschaftliches Verschulden sei, ließ er so nicht gelten. Er war aber so auf seinen Suff fixiert und demgemäß nicht bereit, diese Sucht therapieren zu lassen – wie hätte er da auch nur ansatzweise einem normalen Leben mit Mietzahlungen oder ersatzweise Amtsgängen nachkommen können? Keiner ist gerne obdachlos, aber viele sind für Hilfestellungen und Behördengänge schlicht nicht bereit, stellte Thomas klar.

Thomas erzählte überhaupt sehr offen von seinem Leben. In den Alkoholismus trieb ihn laut seiner Erzählungen nicht etwa eine ganz große Lebenskrise, eigentlich war er von jungen Jahren an mit alkoholischen Getränken vertraut. In den Siebzigern galt es noch als Initiationsritual, wenn man als Vierzehnjähriger ein, zwei Bier mit den erwachsenen Kerlen trank. So rutschte er hinein – bis es ihm entglitt.

Er beschrieb sein Leben auf der Straße, die Tricks an Geld zu kommen, die tägliche Auseinandersetzung mit der Bundespolizei auf dem Bahnhof, die er als wesentlich freundlicher skizzierte, als man das zuweilen denkt. Bettelei und kleine Gaunereien – auch das kannte Thomas. Knastaufenthalte inklusive.  Für ihn galt damals nur, möglichst schnell das Geld für eine, besser für zwei Flaschen Korn zusammenzukriegen. Wer in einer großen Stadt wie Nürnberg auch noch Geld für Essen betteln möchte, so meinte er, dem sei eigentlich nicht zu helfen. Reste gäbe es hier wahrlich überall mehr als genug. Es lebe die Wegwerfgesellschaft!

Natürlich habe er wahrgenommen, wie die Gesellschaft auf ihn reagierte. Wenn er in eine volle Straßenbahn einstieg, hatte er recht schnell eine Vierersitznische für sich alleine. Er habe ja, so wörtlich, überhaupt keinen Vertrag mit Wasser und Seife gehabt. Und letztlich war es auch gut so, dass man ihn mied, schlussfolgerte er für sich selbst. Die Ausgrenzung durch olfaktorische Reizüberflutung seiner Mitmenschen habe ihm schrittweise begreiflich gemacht, dass er sich eigentlich selbst so nicht mehr leiden konnte. Das war wie ein erster Schritt zurück in ein geordnetes Leben.

Und die Armen untereinander? Stimmt denn letztlich diese Sentenz, die man immer dann hört, wenn Zeitgenossen wegen der Ungerechtigkeiten resignieren und dann unken: Wenn es erst einmal allen schlechter geht, dann wird es so nicht mehr weitergehen? Dann helfe man zusammen gegen die da oben? Von einer solchen Romantik unter Habenichtse wusste er nun wahrlich gar nichts zu berichten. Junkies sähen auf Trinker herunter, weil sie glaubten, ihre Sucht sei als die kostenintensivere mit deutlich mehr Renommee ausgestattet. Eliteobdachlose – auch das gibt es also. Freundschaft gibt es hingegen gar nicht. Mit manchen kommt man gut aus, aber das heißt gar nichts, denn im nächsten Moment wendet sich das Blatt und man wird betrogen und belogen.

Es ist ein Hauen und Stechen, jeder ist um sich selbst bemüht. Die größte Ellenbogengesellschaft herrscht unter denen, die nichts haben, die jeden Tag um existenzielle Absicherung kämpfen müssen. In ein Männerwohnheim gehen? Für Thomas kam das nicht in Frage. Dort herrschte schon vor Jahren die pure Gewalt. Als er seine letzten obdachlosen Tage verlebte, da hatten sich die Grenzen zu Osteuropa schon geöffnet, erzählte er weiter. Plötzlich gab es da Konkurrenz auf der Straße. Osteuropäische Bettelbanden und Betteltouristen, wie er letztere nannte. Es wurde eng, die knappen Ressourcen versiegten, plötzlich war es auch für »unsere Obdachlosen«, wie Thomas sie bezeichnete, nochmal schwieriger, weil man auch in ihnen Mitglieder von organisierten Bettlerbanden wähnte. Die Medien warnten ja regelmäßig, dieser Mafia nicht auf dem Leim zu gehen, die Bandenköpfe finanzierten mit dieser Masche sogar Luxuskarossen. Thomas aber fuhr mit keinem Benz vor.

Werden Arme gegen Arme ausgespielt, wenn man das auf den Punkt bringt? Ist es verwerflich, wenn man das thematisiert? Ich hörte genau. Klar, wenn jemand von »unseren Obdachlosen« spricht und dort fortfährt mit dem Problem mit den zugewanderten Obdachlosen, dann kann man das gleich ideologisch falsch verstehen. Andererseits ist es aber doch so, dass da jemand mit mir sprach, der wusste und noch immer weiß, wie es sich stellt. Die offenen Grenzen halt, in den Brennpunkten dieses Landes, sind sie nicht mal mehr der Abklatsch einer schönen Grundidee: Dort haben sie den Druck verschärft und das Leben erschwert.

Man muss den Leuten zuhören, ihren Geschichten lauschen, bevor man lauthals brüllt und verurteilt. Vielleicht sollte man mal besonders auch jenen Teil der Linken zu einer solchen Weihnachtsfeier einladen, der sich jetzt deshalb in Szene rückt, weil bestimmte andere Linke eben nicht die großen Freunde der absoluten Freizügigkeit sind. Bei einer solchen Veranstaltung könnte man hören, warum sie es nicht sind. Die Sorgen und Nöte erlauschen: Man hat das viel zu lange nicht gemacht. Die Neoliberalen haben das kalkuliert unterlassen. Von einer geerdeten Linken wünsche ich mir, dass sie genau dort ansetzt.

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