Katholischer Dickkopf trifft Rohingya

Franziskus startete am gestrigen 27. November zu einer »unmöglichen« Reise: in das von Buddhisten regierte Kriegsland Myanmar und in die islamische Armutsrepublik Bangladesch. »Liebe und Frieden« wählt er als Motto seines Reiseprojekts. Solche Worte klingen wie Hohn, wenn man sie mit der politischen Wirklichkeit in Myanmar zusammenbringt. Doch Franziskus ist eben ein friedensbewegter Dickkopf. Er weiß, was er vorhat.

Die Fachleute bei den Vereinten Nationen in New York und die Experten in der Politik Süd- und Südostasiens schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Denn Papst Franziskus startete am 27. November zu einer mehrtägigen Reise ausgerechnet in das Kriegsland Myanmar, in dem die muslimische Ein-Millionen-Minderheit der Rohingya von der buddhistischen Militärregierung brutal verfolgt wird. In den letzten vier Monaten vertrieb das burmesische Militär zwischen 650.000 und einer Million Rohingya aus ihren Heimatdörfern. Exakte Zahlen der Vertriebenen, der Getöteten sowie der niedergebrannten Dörfer fehlen – typischerweise.

Weshalb hat sich Franziskus diese Konfliktreise in den Kopf gesetzt? Alle übrigen Top-Prominenten der Weltgesellschaft meiden das Konfliktgebiet, nur er nicht. Franziskus ist eben ein Dickkopf, ein unerschrockener Menschenrechtler und Friedensbewegter. »Liebe und Frieden« hat er als Motto für seine 21. Auslandsreise gewählt. Diese Worte bedeuten eine Provokation für die Militärmachthaber in Myanmar. Franziskus startet ein Projekt, das nach menschlichem Ermessen nur misslingen kann.

Mitte November flog der Erzbischof der burmesischen Metropole Yangoon, Kardinal Charles Maung Bo, eigens nach Rom. Sein Ziel: den Papst davon abzuhalten, die mörderische Vertreibung vieler Hunderttausender Rohingya aus Myanmar ins muslimische Nachbarland Bangladesch zu thematisieren. Klar: Kardinal Bo wird von der Regierung massiv unter Druck gesetzt. Nicht einmal das Wort »Rohingya« dürfe Franziskus als Staatsgast vor Ort in den Mund nehmen, sagte Bo beschwörend, – aus Sorge um die prekäre Lage der seit vielen Jahren militärisch verfolgten burmesischen Christen und anderer Minderheiten unter dem buddhistischen Militärregime.

Die Not der Rohingya verschweigen?

Was macht man als Papst unter solchem Druck? Franziskus hat keine Macht vor Ort. Er zählt als Christ in Myanmar und seinem zweiten Besuchsland Bangladesch zu einer winzigen Minderheit. Rom ließ das offizielle Besuchsprogramm bis gestern schweigen über den Rohingya-Konflikt. Es schien, als beherzige der Vatikan den Rat der katholischen Bischöfe vor Ort, bei der Reise in ihr Land auf eine namentliche Erwähnung der muslimischen Minderheit zu verzichten. Denn allein die Nennung der Rohingya sei »ein sensibler Punkt«, warnt der für ihr Gebiet zuständige Erzbischof Alexander Pyone Cho.

Doch nun ist überraschend doch noch ein Treffen mit Rohingya ins Programm aufgenommen worden. Wer genau dazu einlädt? Das lassen die Nachrichten aus dem Vatikan offen. Nur soviel ist klar: Am 28. November, um 10 Uhr Ortszeit, trifft der Papst Vertreter verschiedener Religionen – darunter die der inkriminierten Minderheit. Zwei Tage später dann eine weitere Überraschung im Programm: Franziskus trifft den Oberbefehlshaber der Armee in Myanmar.

Wie der Papst sich bei beiden Treffen verhalten wird, ist einer genauen Beobachtung wert. Mit politischen Überraschungen vonseiten des Mannes aus Rom ist zu rechnen. Vorgemacht hat dies vor vielen Jahren in Südostasien Amtsvorgänger Johannes Paul II. Er brach 1989 in dem damals von Indonesien besetzten Osttimor aus dem diplomatischen Reiseplan aus und ließ sich eilig auf die illegalen Friedhöfe der von den Indonesiern getöteten Timoresen fahren. Dort hielt der Papst aus Polen dann, begleitet von der Weltpresse, ein improvisiertes, politisches Totengebet.

Franziskus wird in Myanmar getreu dem Motto »Liebe und Frieden« den Obersten Rat der buddhistischen Mönche in Myanmar treffen und später, im zweiten Zielland Bangladesch, ein interreligiöses Treffen mit Muslimen im Garten des Erzbischöflichen Palais in der Hauptstadt Dhaka veranstalten. Ziemlich viele kirchliche Pflichttermine stehen in seinem Programm. Das ist für diesen politischen, ja »linken« Papst auffällig. Zumal in einem extrem armen Land wie Bangladesch, das von Billigjobs in Textilfabriken und Arbeits-Auswanderung geprägt ist, oder in Myanmar mit seiner armen Landbevölkerung und einem gravierenden AIDS-Problem.

Madame Aung San ins Gewissen reden?

Franziskus trifft Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Die Frau, die 15 Jahre lang im Hausarrest festgehalten wurde, steht innerhalb der Regierung von Myanmar den buddhistischen Militärs relativ ohnmächtig gegenüber. Öffentlich hat sie erst skandalös spät das Leid der und den Mord an Tausenden Rohingya wahrgenommen. Dennoch gilt sie nach wie vor als Hoffnungsperson für Millionen von Burmesen, die die Militärs satt haben.

Am liebsten wäre Franziskus nach Indien gereist. Doch die Indische Union wird von hart gesottenen Hindu-Nationalisten regiert. Und die laden den Pontifex der Christenheit lieber nicht ein. Rom hatte lange angeklopft – und war bei Ministerpräsident Narendra Modi und seiner rechten Bharatiya Janata Partei (BJP) in Neu Delhi auf taube Ohren gestoßen.

Bleibt zu hoffen, dass der Papst – trotz aller widrigen Umstände – für die Verfolgten und Ausgebeuteten in Myanmar und in Bangladesch etwas erreicht. Der Zeitpunkt scheint passend. Denn soeben haben Bangladesch und Myanmar ein Absichts-Abkommen gemeldet, nachdem die Rohingya-Flüchtlinge in ihre Heimat Myanmar zurückkehren sollen. Doch wer diese Rückkehr der Hunderttausende organisiert, finanziert, sichert, international begleitet und schließlich die Sicherheit des Lebens in der alten Heimat garantiert, ist völlig unklar.

Jedenfalls hat Franziskus schon einmal einen Ortskenner, den Erzbischof Moses Costa von Chittagong, in die Camps der 500 000 geflüchteten Rohingya in Cox’Bazar an der bengalischen Küste von Bangladesch vorausgeschickt. Moses Costa resümierte hernach: »eine schockierende Erfahrung.« Ihn wird Franziskus beim Gespräch mit den Machthabern in Myanmar ohne Zweifel zitieren. Dafür ist er Dickkopf genug.

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