Heilung durch Vertrauen?

Ein gewisses Misstrauen ist angebracht und sogar „gesund“, wenn es darum geht, die Parolen politischer Parteien oder die Sinnangebote der Religionen zu bewerten. In einem Punkt allerdings ist Vertrauen unabdingbar: Wollen wir von körperlichen oder psychischen Erkrankungen geheilt werden, müssen wir eine positive Einstellung zur Möglichkeit der Heilung aufbringen und auch zur Heilerin oder zum Heiler – mag es sich dabei um einen Schulmediziner, einen Naturheilkundler oder spirituellen Heiler handeln. Wir müssen ihm/ihr und auch unseren Selbstheilungskräften zutrauen eine Wirkung zu entfalten. Das schließt nicht aus, dass wir auf dem Weg zum Vertrauen unsere Zweifel durchwandern.

Muss eine Patientin fest daran glauben, dass spirituelles Heilen hilft? Ich kannte einen alten Heiler, der sagte zu Beginn seiner Gebets-Behandlung ausdrücklich: „Du musst nichts glauben! Es wirkt auch, wenn du nichts glaubst. Es reicht, dass du gekommen bist.“ An dieser Aussage ist natürlich was dran. Wenn nicht wenigstens ein Funke Vertrauen in das geistige Heilen vorhanden ist, wird man schwerlich den Weg in eine Praxis für geistiges Heilen finden.

Ich bin diesbezüglich immer noch ein etwas zwiespältiger Mensch. Ein Teil von mir hat intuitiv ein ganz tiefes und unerschütterliches Vertrauen. Dieser Teil von mir kann sich bedenkenlos hingeben und glaubt unerschütterlich an das Gute und daran, dass es Kräfte jenseits der uns bekannten Dimensionen gibt, die in und durch uns wirken, auch wenn wir sie nicht verstehen. Ein anderer Teil von mir, der intellektuelle „kluge“ Teil, der zweifelt oft sehr lange, braucht ausführliche Erklärungen und muss mittels Logik und mit Beweisen überzeugt werden. Beide Teile sind mir teuer.

Würde der „Zweifler“ in mir nicht existieren, dann wäre ich vermutlich ein leichtes Opfer von Scharlatanerie. Der Zweifel hilft mir auch dabei, mich von vermeintlich sicheren Erklärungen nicht mundtot machen zu lassen. Zweifeln hilft auch, das eigene Denken flexibel zu erhalten und immer wieder von Neuem nach noch besseren Lösungen zu suchen. Andererseits muss ich aufpassen, dass dieser Anteil nicht übermächtig wird und in mir zum notorischen Zweifler mutiert. Das würde dann nämlich das „intuitiv gläubige und fromme Kind“ in mir sehr stören, dieses Kind, das mir heilig ist, weil es mir Welten erschließt, die mein Verstand ablehnen würde, wenn er allein das Sagen hätte.

Eine Zen-Meisterin sagte einmal zum Thema Zweifeln sinngemäß: „Wenn wir eine Entscheidung zu treffen haben, dann ist es gut, vorher ausgiebig zu zweifeln und alle möglichen positiven und negativen Konsequenzen zu überdenken. Wenn wir dann aber schließlich zu einer Entscheidung gefunden haben, dann sollten wir aufhören zu zweifeln! Leider machen es viele Menschen umgekehrt. Sie treffen zuerst eine Entscheidung und zweifeln danach die Entscheidung immer wieder an.“

Wenn wir uns also zum geistigen Heilen hingezogen fühlen, dann zweifeln wir ruhig zunächst einmal. Wenn wir aber nach reiflicher Überlegung die Entscheidung getroffen haben, das geistige Heilen für uns anzuwenden, dann lassen wir den Zweifel bitte ruhen und beginnen wir, dem „Großen Geist“ zu vertrauen, so gut wir können.

Wenn wir uns selbst und anderen Wesen mit Gebeten und Meditation helfen wollen, dann brauchen wir also Vertrauen. Wenn wir in etwas Abstraktes wie „Gott“ oder die „Buddha-Natur“ unser Vertrauen setzen, dann ist das einerseits einfach, weil wir alle positiven und vertrauenswürdigen Eigenschaften in Gott oder die Buddha-Natur verlagern können. Andererseits ist es schwierig, weil das Abstrakte nichts „Wirkliches“ ist, nichts zum Anfassen, nichts objektiv Überprüfbares. Wenn wir unser Vertrauen dagegen in eine echte Person setzen und dabei alle für uns erstrebenswerten positiven Eigenschaften in diese Person hinein verlagern, dann können wir uns erst einmal sehr glücklich schätzen, dass wir eine solche Person gefunden haben. Sollte sich herausstellen, dass diese Person nicht allen unseren Ansprüchen gerecht wird? Wenn die spirituelle Meisterin womöglich gelegentlich Zigaretten raucht oder Wein trinkt? Oder wenn wir meinen, sie würde diejenigen Schülerinnen, die Geld und Rang und Namen haben, bevorzugen? Was geschieht dann mit unserem Vertrauen?

Vielleicht tun wir gut daran, uns bei dieser schwierigen Frage an einen uralten Meister halten, an Lao Tse, dessen Worte uns noch heute eine gute Richtung zu weisen vermögen:

Der Weise macht sich keine Sorgen                           
um sein eigenes Leben,
er macht sich die Bedürfnisse
der Menschen zu eigen.

Ich bin gut zu denen,
die gut sind,
aber ich bin auch gut zu denen,
die nicht gut sind,
denn so vermehre ich die Güte.

Ich vertraue den Menschen,
die vertrauensvoll sind,
und ich vertraue den Menschen,
die nicht vertrauensvoll sind,
denn so vermehre ich das Vertrauen.

Der Weise hält sich zurück
und ist bescheiden in dieser Welt.
Man sieht ihn, man hört ihn
und er behandelt alle Menschen wie Kinder.

(Lao Tse: Tao-Te-King, Vers 49)

„… denn so vermehre ich das Vertrauen.“ Vertrauen ist eine Einstellung des eigenen Geistes, eine Methode, um Heilsames in der Welt zu bewirken.

Zusammenfassend möchte ich in Bezug auf das Thema Vertrauen sagen:

Eine Heilerin übt sich darin, Vertrauen in spirituelle Kräfte zu setzen, ob diese nun Gott oder Buddha-Geist oder anders genannt werden. Sie lernt, diese Kräfte in sich selbst und zugleich über sich selbst hinausreichend zu erkennen und anzuwenden. Eine Heilerin strebt danach, eine vertrauenswürdige Person zu sein. Zugleich wird sie die Heilkraft als Selbstheilungskraft, als das Göttliche und die Buddha-Natur in ihren Patientinnen wahrnehmen und daran glauben, dass diese sich entfalten werden. Das ist die Vertrauensübung der Heilerin.

Eine Heilung Suchende übt sich darin, wenigstens ein kleines bisschen Zutrauen in die Kraft des Geistes zu fassen, die alles vermag, die ganze Galaxien entstehen und vergehen lässt und stets unzählige Möglichkeiten offenlässt. Die Suchende vertraut fest darauf, dass diese Kraft in ihr selbst zu finden ist und aktiviert werden kann. Zugleich gilt es, Vertrauen in eine andere Person, nämlich in die Heilerin zu setzen, selbst dann, wenn diese in ihrem Charakter nicht ganz so perfekt und unfehlbar sein sollte, wie es wünschenswert wäre. Wir sind ja alle in Entwicklung. Das ist die Vertrauensübung der Heilung Suchenden.

Mit einer solchen Grundeinstellung ist Raum für Heilung, wie auch immer sie geschieht. Wenn die Arbeit getan und Heilung geglückt ist, dann wird es so scheinen, als wäre dies ganz von allein geschehen.

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2 Antworten zu Heilung durch Vertrauen?

  1. Sandy schreibt:

    *grummel grummel*

  2. herr axel schreibt:

    Nix da grummel 😉

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