Und tschüss. Schön, Dich gesehen zu haben.

Mücken – lästig. Regenwürmer – eklig. Bienen? Ich bin schon mal von einer gestochen worden. Vögel? Ganz nett, aber eine entbehrliche Dreingabe zu unserem Leben, in dem vor allem das Starren auf Bildschirme dominiert. Und einen Tiger hat sowieso noch niemand in freier Wildbahn gesehen. Wäre auch gar nicht wünschenswert, sind ja gefährlich. Warum also müssen all diese Tierarten unbedingt überleben? Notfalls kann man ja einen Tierfilm mit computeranimierten Altspezies streamen! Gleichgültigkeit dominiert die Reaktion von Politik und Öffentlichkeit gegenüber dieser höchst gefährlichen und tief traurigen Entwicklung: dem Artensterben, das vor ein paar Tagen mal – vor allem in Form des Insektensterbens – durch die Presse ging. Aufwachen, Leute! Jedes Leben ist von unschätzbarem Wert, und alles ist mit allem verbunden. Die „Krone der Schöpfung“ wird ohne den Rest der Schöpfung nicht überleben können.

Wie die Zeit verfliegt, es sind tatsächlich schon wieder zehn Minuten vorbei. Time to say goodbye! Auch wenn ich nicht weiß, wen es erwischt hat, halte ich eine stille Gedenkminute ab. Wie alle zehn Minuten. Das mache ich bereits seit Jahren.

Wer weiß, ob es diesmal ein Fisch, ein Hai, ein Frosch, ein Insekt oder ein Vogel war. Es geht jedenfalls rasend schnell. Ich sehe gerade, es sind schon wieder zehn Minuten vergangen. Ich halte kurz inne.

In den letzten 540 Millionen Jahren ist es bereits fünfmal passiert. Große Artensterben treten also im Schnitt nur alle 100 Millionen Jahre auf. Vor 66 Millionen Jahren ist es zum letzten Mal passiert – damals verabschiedeten sich über die Hälfte aller Tierarten, darunter die Dinosaurier. Man geht aktuell davon aus, dass dies durch den Einschlag eines Meteoriten verursacht wurde. Wobei man hier vorsichtig sein muss – nur weil 50% der Tierarten das große Sterben überlebt haben, bedeutet das nicht, dass sie völlig ungeschoren davonkamen. Es kam nur nicht zur vollständigen Ausrottung. Eine Katastrophe war es definitiv für alle Arten.

Schon wieder sind zehn Minuten vorbei. Ich gedenke der nächsten, gerade eben ausgestorbenen Art.

Artensterben bleibt nicht folgenlos. Stirbt eine Art aus, tritt in Ökosystemen, in denen sie zuhause war, oft ein Ungleichgewicht ein. Die Art kann dann ihre Aufgabe für das große Ganze nicht mehr erfüllen. Was das bedeuten kann, sehen wir bereits an vielen Orten der Welt am Beispiel der Biene. In China müssen Bäume teilweise per Hand bestäubt werden. Menschen klettern auf Leitern die Bäume hoch und bestäuben die Apfelbäume – extrem umständlich, aber alternativlos, wenn man auch weiterhin Essen haben möchte. Die Biene ist natürlich noch nicht ausgestorben, aber die weltweite Population geht zurück. Mit diesen Konsequenzen haben wir schon jetzt zu kämpfen. Wie sagte Albert Einstein so schön? „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.“

Aber nicht nur Bienen erfüllen einen wichtigen Zweck im System, viele andere Tierarten sind ebenfalls sehr wichtig, beispielsweise weil sie anderen Lebewesen als Nahrung dienen.

Und gerade ist die nächste Art ausgestorben, die nächste Gedenkminute beginnt.

Es gibt mittlerweile weniger als 2.000 Pandas auf der Erde. Von 100.000 Tigern, die im Jahr 1920 noch die Erde bewohnten, sind keine 4.000 mehr übrig. Mehrere Nashorn-Arten sind vom Aussterben bedroht. Auch Menschenaffen, Löwen, Elefanten, Seeadler, Wale und Bären sind gefährdet – neben unzähligen anderen weniger spektakulären Arten. Die größten Bestände großer, gefährdeter Säugetiere gibt es noch in Zoos und Nationalparks; in freier Wildbahn gibt es weniger und weniger von ihnen. Eines Tages wird man sich die Tiere, wenn überhaupt, nur noch im Zoo anschauen können. Oder sie sterben einfach komplett aus.

Die nächste Art hat uns eben verlassen, es sind schon wieder zehn Minuten vergangen.

58.000 Arten verschwinden jährlich von unserem Planeten. Das sind alle 17 Jahre eine Million Arten. Sie sterben aus – für immer. Der Prozess ist unumkehrbar. Stirbt der letzte Panda, wird es nie wieder Pandas geben. Wir leben in der Epoche des sechsten großen Artensterbens. Die natürliche Aussterberate hat sich drastisch erhöht. Nicht ein bisschen, sondern um das 1.000- bis 10.000-fache der normalen Rate. Von 1970 bis 2010 sind auf der Welt die Hälfte aller Säu-getier-, Vogel-, Reptilien- und Fischspezies ausgestorben. Es werden weniger und weniger. Ich halte meine nächste Gedenkminute ab.

Zweifel an den Gründen für das Artensterben gibt es keine – es ist die Schuld einer einzigen Art. Einer Spezies, die auf zwei Beinen durch die Welt läuft und sich für die intelligenteste von allen hält, dabei aber eine gigantische Spur der Zerstörung hinterlässt. In den letzten 100 Jahren sind 50% aller Wälder weltweit gerodet worden. Die Meere sind voller Müll und werden gleichzeitig massiv überfischt. Der Klimawandel macht den Tieren weiter zu schaffen; hinzu kommen die extrem negativen Auswirkungen von Monokulturen und der gezielte Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln. Der massive Gebrauch von Gülle verpestet die Umwelt weiter. Ganz nebenbei gibt es natürlich auch noch die Jagd, die meist damit begründet wird, dass es Spaß macht, Elefanten zu erschießen oder einträglich ist, Elfenbein zu verkaufen.

Die nächste Art hat uns eben verlassen, auf Nimmerwiedersehen.

Aber warum roden wir eigentlich Wälder? Um Platz für den Anbau von Lebensmitteln zu schaffen. Diese benötigen wir, um den großen Hunger nach Fleisch zu stillen. Der Klimawandel wird hauptsächlich durch den Fleischkonsum vorangetrieben, und auch das Leerfischen der Meere hat seinen Hauptgrund darin, dass wir die Fische essen wollen.

Ich zünde eine Kerze an für die nächste ausgerottete Art. Leb wohl!

Es gibt aber auch Arten, die sich prächtig entwickeln, trotz Artensterbens und Klimawandel. Knapp eine Milliarde Schweine gibt es auf der Welt. Dazu mehr als 1,5 Milliarden Rinder mit einer Gesamtmasse, die das doppelte des Gewichts aller Menschen der Welt ausmacht. Von 1970 bis 2010, in der Zeit, in der die Hälfte aller Tierarten auf diesem Planeten ausgestorben sind, hat sich der Bestand an Hühnern weltweit vervierfacht – von fünf Milliarden auf zwanzig Milliarden Tiere.

Zumindest geht es nicht allen Arten schlecht, denke ich mir, während ich die nächste Gedenkminute einlege. Wenn wir so weiter machen, werden wir irgendwann wirklich nur noch durch Teleskope blicken können, auf der Suche nach anderen Lebensformen. Wir sind nicht allein im Universum, es gibt unzählige fremde Spezies um uns herum – jedoch nicht auf entfernten Planeten, sondern hier auf der Erde. Wenn wir so weiter machen, sind wir aber schon bald allein – oder ebenfalls ausgestorben.

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