Konservativ links. Ein Widerspruch oder eine gesunde und zukunftsweisende Einstellung?

Nicht vor vermeintlichen „Flüchtlingsschwemmen“, vor „Überfremdung“, „Terrorgefahr“ oder „linker Gewalt“ müssen wir bewahrt werden – es ist die unsere Seelen überfordernde, übereilte und profitgetriebene „Schwemme“ technischer Innovationen, bei der Vorsicht geboten ist. Nicht alles Neue ist schlecht, und nicht alles Alte ist bewahrenswert – wir müssen uns aber die Freiheit erkämpfen, weiterhin wählen zu dürfen. Nicht der Zwang zum Download immer neuer Apps ist sinnvoller Fortschritt, dieser müsste sich vielmehr auf dem sozialen Sektor in Gestalt eines fortschreitenden menschlichen Umgangs miteinander vollziehen. Wenn jemand diese Haltung „konservativ“ nennt, meinetwegen. Ich finde sie schlicht vernünftig.

Computer- und Kommunikationsspielzeug ist, wie heute schon feststellbar, nicht nur eines von vielen skurrilen Interessengebieten, denen man frönen, denen man sich aber auch entziehen kann. Die Vorantreiber derartiger Technologien versuchen diese den Uninteressierten aggressiv aufzuzwingen, sie für alle Menschen verbindlich zu machen und Verweigerer abzustrafen, indem sie sie von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausschließen. Jeder der sich dem Neuen anschließt, trägt als Innovations-Opportunist und unbezahlter Werbeträger der Innovations-Anbieter dazu bei, die noch Unabhängigen an den Rand zu drängen.

Technische Hinterherhinkende gehören dementsprechend zu den Witzfiguren unserer Zeit. Sie haben die Ostfriesen und Blondinen als Lachnummern der Saison abgelöst. „Dieses Internet – ich glaube nicht, dass sich das durchsetzen wird“ sagt der tumbe Schlagersänger Bruce Berger in Simon Verhoevens Film „Männerherzen“. Ein Brüller im Kino. Es gibt ganze Karikaturenbände mit „Computerwitzen“, in denen ein Technik-Analphabet eine lebende Maus an seinen Computer anzuschließen versucht o.ä. Wer – wie vor 11 Jahren ja auch – ganz gut ohne Smartphone leben kann, gilt als eine Art Technik-Amish – analog zu jener US-amerikanischen Sekte, deren Mitglieder ohne Strom leben und mit der Pferdekutsche umherfahren.

Sind derartige Überlegungen „konservativ“? Dem Begriff haftet der Makel an, nach „rechts“ zu tendieren. Bilder des behäbigen Helmut Kohl, von Heino, Trachtenjanker und „Grün ist die Heide“ spuken bei diesem Wort durch unsere Köpfe. Wenn nicht Schlimmeres. Obwohl gerade auch Linke vom neoliberalen Modernisten gern als „Besitzstandswahrer“ beschimpft werden – also als Menschen, die bewahren möchten, was sich ihrer Meinung nach bewährt hat und was im Begriff ist, durch profitgetriebenen Reformwahn  zerstört zu werden. Und auch ökologisch engagierte Menschen möchten bewahren: ob sie das zu Bewahrende nun religiös aufgeladen als „Schöpfung“ oder schlicht als „Natur“ und „Umwelt“ bezeichnen.

Ich selbst stehe fremdenfeindlichen Weltanschauungen fern. Mein Begriff von „Heimat“ ist viel umfassender. Arbeitnehmern wird heute teilweise nicht einmal ein eigenes Zimmer gegönnt mit einer Wand drum herum, die sie mit Bildern schmücken können, die sie lieben. Sie müssen bereit sein, sich heute hier, morgen dort einzuloggen und wie Nomaden die beruflichen Menschlichkeitswüsten zu durchwandern. Die moderne Welt, das sind Großraumbüros oder Großraumabteile voll piepsender Handys und plappernder Wichtigtuer.

Wie konnte es so weit kommen? George Orwell erzählt von einem System, in dem es keine Solidarität mehr gibt außer zum Großen Bruder. Der Große Bruder von heute, das sind die Machtkartelle des Turbokapitalismus: Großkonzerne, Banken, willfährige Medien, unterstützende Technologie. Entwurzelte Menschen sind leichter manipulierbar, deshalb versuchen die technokratischen „Eliten“ alle bewahrenden Kräfte zu ironisieren. Ich selbst will den Status Quo nicht „einfrieren“. Entwicklung ist unvermeidlich und oft auch gut. Aber das Tempo der Veränderung muss sich den Menschen und ihren Bedürfnissen anpassen, nicht umgekehrt. Heute haben wir es geradezu mit einem Innovationsterror zu tun.

Die Menschheit hat es in allen Epochen versäumt, den Fortschritt einem „Glückstest“ zu unterwerfen – der Frage also, ob eine Veränderung die ihr unterworfenen Menschen tatsächlich zufriedener macht. Diesen Vorwurf erhebt auch der Bestseller-Autor Yuval Noah Harari in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“. Selbst die frühesten „Kulturrevolutionen“ – etwa der Übergang von der Jäger- und Sammlergesellschaft zur sesshaften Agrargesellschaft – stehen bei ihm auf dem Prüfstand: „Obwohl sich Geschichtswissenschaftler mit fast jedem erdenklichen Thema beschäftigen – von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft über Geschlechter und Sexualität bis zu Krankheiten, Essen und Kleidung –, haben sie sich nie gefragt, welchen Einfluss das alles auf das Glück der Menschen hat. Das ist die größte Lücke in der Geschichtsschreibung.“

Es ist nicht unbedingt konservativ, es ist schlicht vernünftig und menschlich, die Zufriedenheit des Einzelnen und der Gemeinschaft als Ziel wirtschaftlichen Handelns anzuerkennen. Dazu braucht es die Freiheit, einen Lebensstil zu verwirklichen, der es der Seele erlaubt, zu atmen. Für viele Menschen bedeutet das: ein genügsames Leben ohne Hetze, erfüllende menschliche Beziehungen, Naturbezug und eine gesunde Balance von Leben und Arbeiten.

Leider gelten zufriedene Menschen aber heute als Feinde einer florierenden Wirtschaft. Sie weigern sich, den Herstellern von technischem Schnickschnack als Zielgruppe zur Verfügung zu stehen. Die Industrie geht deshalb immer mehr dazu über, den Konsumanreiz durch Konsumzwang zu ersetzen. Ist der Drucker z.B. kaputt, behauptet der Hersteller, dass sich die Reparatur nicht lohne. Für den Preis bekommt man schon einen Neuen. Wird ein neuer Fernseher gekauft, muss ein HDMI-Kabel her, weil das Scart-Kabel nicht mehr kompatibel ist. Es herrscht der Zwang zum permanenten Update in immer kürzeren Rhythmen.

Ich interessiere mich für Natur, Musik und Fußball; andere Menschen interessieren sich für Literatur, für Physik oder über Technik – daran ist nichts Falsches. Jedes dieser Interessengebiete hat seine Berechtigung. Das Problem ist nicht, dass es Computerbastler gibt, sondern dass sie unsere Epoche in ungesunder Weise dominieren – wie es sonst nur Politiker, Juristen, Banker und Militärs tun. Die ältere Dame, die verzweifelt vor dem Fahrkartenautomaten steht, keine Hilfe vom (nicht vorhandenen) Bahnpersonal bekommt und schließlich ganz auf Bahnfahrten verzichtet – diese Menschen werden von einer schnöseligen, profitgetriebenen Technokratie als irrelevant aussortiert.

Anfang des 20. Jahrhunderts war der Soldat das prägende Leitbild unserer Kultur. Wie in Zuckmayers „Hauptmann von Köpenick“ wurden Fabrikarbeiter mit der Frage „Hab’n se jediehnt“ begrüßt.  Heute ist der Computer-Nerd dieses Leitbild. Ob wir wollen/können oder nicht – wir müssen, um im modernen Alltag überleben zu können, zumindest partiell so werden wir „die.“ Eine Zwangsbekehrung zur Religion der Smartphone-Enthusiasten findet derzeit statt. In der Folge verbrauchen wir viel Zeit und Energie, um mit Hilfe von Technologien Probleme zu lösen, die ohne sie gar nicht entstanden wären.

Gespräche unter Technik-Freaks klingen heute schon so, als würde man Außerirdischen in einem Science Fiction-Film zuhören, die mit dem mobilen Emitter die Deflektor-Phalanx rekalibrieren. Natur verbindet, Technik trennt. Das Erlebnis, am Waldrand ein rosa Büschel aus Lichtnelken zu bewundern oder ein Eichhörnchen beim Erklimmen eines Baums zu beobachten, teilen wir mit unseren Vorfahren. Heute verspotten mich Jugendliche, weil ich statt mit What’s App noch per Email kommuniziere, und für meine Mama sind selbst Emails ein Rätsel.

Es gibt in einer Gesellschaft normalerweise ein Gleichgewicht von progressiven und konservativen Kräften. Die einen treiben die Evolution voran, indem sie Visionen einer besseren Welt entwerfen. Die anderen prüfen, was ihnen angeboten wird und lehnen Teile des Neuen als untauglich ab. Ein ungesundes Übergewicht der konservativen Kräfte kann auch problematisch sein: „Unter den Talaren der Muff von 1.000 Jahren.“

Heute erleben wir aber die gegenteilige Übertreibung: die permanente, erzwungene, sich beschleunigende Innovation. Der Grund für diese Entwicklung? Der Kommerz! Er hat das Gleichgewicht zwischen Verändern und Bewahren zerstört, zugunsten einer Diktatur des Fortschritts. Wertbeständigkeit rechnet sich einfach nicht. Kleider, die zehn Jahre halten, oder Drucker, die 20 Jahre störungsfrei funktionieren, stören die Vermarktungsabsichten der Konzerne. Ein Gedichtband von Rilke, der die Seele über Jahre erfüllt, macht den Kauf unzähliger Modemagazine unnötig. Fortschritt ist ein Tarnbegriff, der die wahre Antriebskraft des Ökonomismus maskiert: den Profit.

Sozialisten, Umweltschützer und Konservative (im guten Sinn des Wortes) haben viel gemeinsam: die Vision eines guten Lebens, Fairness gegenüber allen Mitgeschöpfen, Gerechtigkeit und eine natürlichen Ordnung, die ungesunde Extreme meidet. Wir müssen uns die Freiheit wiedererkämpfen, prüfen zu dürfen, ob eine Innovation das Glücksniveau in der Gesellschaft eher erhöht oder verringert. Neue technische Geräte sind Vorschläge, Angebote für die Menschen, sie dürfen nie „imperativ“ auftreten. Das Sekundäre sollte dienen, nicht herrschen.

Fortschritt bedeutet nicht, die Menschen zu zwingen, TAN-Nummern in Handys zu tippen, es meint eine tatsächliche Verbesserung der Lebensumstände vieler Menschen. Es wäre also schon ein Fortschritt, wenn wir anfingen, zumindest in technischer Hinsicht wieder konservativer zu werden.

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