„Mitten wir im Leben sind – von dem Tod umfangen“

Die massive Präsenz von Polizei auf einem Kirchentag in Berlin war eine neue Erfahrung. Eine – unbeabsichtigte – Variation des Kirchentag-Mottos: „Du siehst mich“ (1 Mose 16,13), das in diesen Tagen in manchen Predigten arg strapaziert wird. Hat Gott die Bilder von Manchester gesehen? Oder die Bilder der Ertrinkenden im Mittelmeer?

Die freundlich-harmlosen Glupschaugen auf den orangenen Kirchentags-Fahnen werden durch die Linsen der Überwachungskameras verstärkt, wo immer es geht.

Vor der Veranstaltung, auf der Thomas de Maizière und Groß-Scheich Al Tayyeb von Kairo, die höchste Autorität des sunnitischen Islams, über religiöse Toleranz sprechen, durchkämmen Spürhunde die Halle. Sie suchen nach Sprengstoff. Der Scheich wirkt müde, als er den Terror verteufelt. Der warme Applaus scheint ihn kaum zu erreichen. Er sagt: In muslimischen Gesellschaften habe es nie Bürgerkrieg gegen Christen gegeben, und es könne ihn auch nicht geben, denn der Islam gestatte den Waffengebrauch nur zur Selbstverteidigung.

Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad – der auf dem Podium im Zentrum von Publik-Forum nur unter Polizeischutz mit Antje Vollmer und Klaus Mertes diskutieren kann – wirft Tayyeb im Spiegel vor, er habe zwei Islamversionen im Gepäck: Eine weltoffen-tolerante für die Außendarstellung. Und eine intolerant-rigide nach innen.

In der Tat. Das Wort „Salafismus“ oder eine Kritik am wahhabitischen Islam kommt Al Tayyeb nicht über die Lippen. Das Gespräch zwischen ihm und de Maizière wird unterbrochen, als ein Mitarbeiter dem Minister einen Zettel zusteckt. Darauf steht: Ein Bombenanschlag auf einen mit Christen besetzten Bus fordert in Ägypten 29 Menschenleben.

„Todesort – Lebensort“ – so heißt die Überschrift zum Feierabendabendmahl am Gedenkort der Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Die Abendsonne wärmt den ehemaligen Todesstreifen, der zu einem Park geworden ist, in dessen Mitte die schlichte, ovale Versöhnungskirche steht, umgeben von einem kleinen Roggenfeld. Die Menschen teilen Brot, Käse, Weintrauben und Äpfel. Man erzählt, woher man kam und was man erlebt hat. Kurz nach dem Segen rasen Polizeiautos und Krankenwagen die Bernauer-Straße hinauf. Wo eben noch gesungen wurde, jaulen die Sirenen. Rot-weißes Absperrband. Ein Auto ist die Treppe zum U-Bahnhof hinuntergerast. Es gibt mehrere Verletzte. Und große Nervosität unter Passanten und Beamten. Aber es ist wohl »nur« ein Unfall.

„Mitten wir im Leben sind – von dem Tod umfangen“. Selten war auf einem Kirchentag dieser mittelalterliche Choral, der von Martin Luther ins Deutsche übertragen wurde, so sinnenhaft erfahrbar.

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