Die Armut und ein armseliger Staat

Armut ist sexy. In Fernsehen und Presse findet das Thema zunehmend Gehör und wird in prominent besetzten Talkrunden ausdiskutiert. Sicher ging es den Betroffenen hinterher besser – oder? Große Teile der Medienlandschaft fahren im Moment eine Doppelstrategie: Einerseits: „Wir sind sozial total bewusst und Euer Schicksal kümmert uns“. Andererseits: „Ihr müsst aber schon auch was tun. Ihr müsst arbeiten wollen. Und wenn Ihr ehrlich seid: so schlimm ist Hartz IV auch wieder nicht.“

Das Wochenmagazin ZEIT veröffentlichte am 29 März eine Umfrage unter 600 Hartz IV-Betroffenen: „Wie können Sie von 416 Euro leben?“ Die Antwort des neoliberalen Medien-Schachtschiffs ist, zusammengefasst: Hartz IV ist, was du draus machst. „Was für die einen unwürdiges Dahinvegetieren bedeutet, reicht den anderen für ein annehmbares Leben.“ Was will uns das sagen? Armut, so die Suggestion, ist eine Frage der Einstellung. Vielleicht braucht es nur einfach mehr Mentaltraining statt mehr Brot, und da könnte der Hartz VI-Satz – verbesserte Resilienz der Probanden vorausgesetzt – ruhig auch von 416 auf 316 Euro runtergehen?

„Beim Lesen der Erfahrungsberichte wird deutlich: Viel hängt nicht allein vom Geld, sondern den Lebensumständen ab.“ (ZEIT) Geld allein macht nicht glücklich, will uns das sagen. Es kommt darauf an, ob jemand haushalten kann (eine Packung Haferflocken für 39 Cent bei ALDI macht ein paar Tage satt). Es kommt darauf an, wie verwöhnt jemand ist (ehemalige Studenten kommen mit Hartz IV oft besser zurecht, denn sie haben gelernt, sich einzuschränken). Es hängt von intakten menschlichen Beziehungen ab (obwohl die einem auch leicht abhandenkommen können, denn Hartz IVler sind nicht gerade gefragt auf dem Beziehungsmarkt).

Das Lächeln eines Kindes, ein Blümlein am Wegesrand, und „ist das nichts, dieser Sonnenstrahl auf deiner Haut?“ (Udo Jürgens). Wer braucht da noch Geld angesichts all der Wunder, die uns umgeben? Und eben deshalb, um uns nicht in Versuchung zu führen, dieser doch sehr oberflächlichen, materiellen Form des Glücks zu erliegen, behalten die Reichen den Großteil des Geldes lieber für sich.

Eine gewisse Neigung zum Asketen schadet auch nichts. Wieder kommen in dem Hamburger Wochenmagazin Vorzeige-Arme zu Wort: „Ein anderer sagt: ‚Ich bin ein bisschen stolz, so gut haushalten zu können.‘ Viele schränken sich enorm ein: ‚Der Trick ist, nur einmal pro Tag zu essen. Klingt vielleicht komisch, aber funktioniert (muss trainiert werden)‘, schreibt jemand, der auch sagt, er könne gut von dem Geld leben.“ Da haben wir die Lösung: Nur einmal pro Tag essen.

In esoterischen Kreisen gibt es ja übrigens den Lichtnahrungsprozess. Da gewöhnt man sich das Essen ganz ab, lebt von Licht und Luft wie Pflanzen. Vielleicht sollte man Hartz IV-Empfängern Lichtnahrungskurse anbieten. Es ist der Solidargemeinschaft doch eigentlich nicht zuzumuten, für die grobstoffliche Nahrung von Leuten aufzukommen, die mit ein bisschen gutem Willen genauso gut darauf verzichten könnten.

An dieser Stelle noch ein paar Wahrheiten zu Hartz IV: Natürlich „kommt es darauf an“. Es kommt z.B. darauf an, ob man eine „Tafel“ in Reichweite hat oder ob man in einem Dorf lebt, wo es keine gibt. Es kommt darauf an, ob einem jemand etwas leihen oder schenken kann. Es kommt auf einen gnädigen Case-Manager in der Behörde an. Es kommt darauf an, wie viel vom physischen und auch emotionalen Lebensbedarf man vor Ort decken kann. Wer alles was er braucht – von Lebensmitteln bis zu sämtlichen Freundschaften, die er pflegt – zu Fuß erreichen kann, kommt mit weniger aus. Wer ein paar Freundschaften außerhalb hat, dem bleiben allerdings nur E-Mail und Telefon – sofern ihm nicht der Strom abgestellt wurde. Wenn ein Elternteil im Sterben liegt und dies dummerweise noch in einer anderen Stadt, dann müssen Sie Mutter oder Vater erklären, dass ihnen das Geld für die Reise fehlt und dass sie oder er leider Gottes allein sterben muss. Wer seiner Liebsten einen Strauß Blumen schenken will, muss wohl auf die Wiese gehen, denn für den Floristen-Strauß reicht’s nicht.

Wem eine unerwartete Anschaffung ins Haus steht – z.B. eine neue Waschmaschine, weil die alte vom Hersteller bewusst kurzlebig konzipiert war –, der darf seine Wäschestücke künftig einzeln im Waschbecken waschen und auswringen, während er nebenbei für eine neue anspart: z.B. in Raten von 3 Euro monatlich über einen Zeitraum von 10 Jahren. In Schulden gerät man leicht mal, wenn man von Hartz IV lebt. Schulden bei der GEZ. Schulden bei den öffentlichen Nahverkehrsbetrieben, weil man es vielleicht doch mal, weil das Geld knapp war, riskiert hat, schwarz zu fahren. Schulden beim Stromversorger, was besonders prekär ist, weil Männer dann vielleicht unrasiert und Frauen mit ungebügelten Kleidern rumlaufen müssen, damit man ihnen schon auf fünf Schritte ansieht, dass sie arm sind. Manche verzichten auch ganz darauf, zu lächeln, weil sie sonst ihre Zahnlücken entblößen müssten, weil die Zuzahlungen beim Zahnarzt unerschwinglich waren.

Nicht jeden treffen alle diese Widerwärtigkeiten. Aber viele sind von vielen davon betroffen. Hartz IV verursacht Obdachlosigkeit. Wer länger seine Miete schuldig bleibt, landet schon mal in einem Asyl, in dem die Lebensbedingungen schwer zu ertragen sind. Die Zahl der Suizide im Zusammenhang mit Wohnungsräumungen, Überschuldung und gefühlter Aussichtslosigkeit ist schwer zu bestimmen; es kann aber davon ausgegangen werden, dass es diese Fälle gegeben hat und weiter gibt. Hartz IV verursacht Depressionen, wobei unklar bleibt, ob die materielle Knappheit oder die Demütigung durch die Behörden den größeren Anteil daran haben. Das Autorenkollektiv „Freie Hartz IV Presse“ wagte im „Freitag“ die Vermutung: „Die Schätzungen liegen bei mind. 1000 Hartz IV-Suiziden pro Jahr und die Zahl ist ansteigend. Jedes Jahr kommen etwa 5000 Hartz IV Obdachlose dazu. Und das in einem der reichsten Länder der Welt.“ Das ist schwer zu überprüfen, aber wären nicht auch 100 Hartz IV-Tote im Jahr, wären nicht 10 oder einer eine Schande?

Der dem Vernehmen nach unfassbar grausame Horrorfilm „Saw III“ wurde mit dem Slogan „Hast du das Leben verdient?“ beworben. Es geht um „Bewährungsproben“ weit oberhalb der Schmerz- und Ekelgrenze, mit denen ein selbsternannter Versuchsleiter für „natürliche Auslese“ zwischen den Versuchskandidaten sorgt. Der Vergleich mag übertrieben erscheinen, aber im Grunde geht es beim Hartz-IV-Prüfungsverfahren genau darum: Hat der Antragsteller das Leben verdient? Die vielen Hürden, Schwierigkeiten und Schikanen, die das Amt vor den Bezug von Hartz IV legt, dienen ja dazu, sicher zu stellen, dass auch ganz sicher niemand unverdientermaßen sein Existenzminimum in Anspruch nimmt.

In einem so heiklen Bereich wie dem Existenzminimum wird von Hartz-IV-Sachbearbeitern häufig nach dem Motto „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ entschieden. Wozu wurde dann aber das Existenzminimum überhaupt definiert? „Minimum“ bedeutet ja, dass es von da aus nicht mehr abwärts gehen kann. Das nackte Überleben von Menschen ist kein Spiel, bei dem es um Machtkämpfe zwischen Bürgern und Bürokraten, um demonstrativ gezeigte „Strenge“ oder um Kostenersparnis gehen darf. Das Grundgesetz spricht eindeutig von einem „Recht auf Leben“, nicht von einem Lebensrecht für besonders gewiefte, ausdauernde und gegenüber der Behörde unterwürfige Menschen. Schleichend wird so ein Paradigmenwechsel im Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern etabliert. Nicht mehr der Bürger hat ein individuelles, einklagbares Recht auf staatliche Leistungen, sondern der Staat hat das Recht, von Bürgern auch erniedrigende Unterwerfungsgesten einzufordern und verwendet das Existenzminimum als Druckmittel.

Echte Betroffene statt zur richtigen Antwort eingekaufte Menschen werden nicht in Hartz IV-Talkshows eingeladen. Wer hier – scheinbar naiv – fragt, warum das so ist, der hat die Funktion der Medien innerhalb des Spiels nicht verstanden, das die Machteliten mit uns spielen. Wie sagte Hubertus Heil, unser aktueller Arbeits- und Sozialminister: „Aber die eigentliche Frage ist, ob wir es schaffen, nicht Menschen in Armut zu verwalten, sondern die Chance auf ein freies und selbstbestimmtes Leben zu eröffnen.

Anders ausgedrückt: Wir geben uns gar keine Mühe mehr, zu verbergen, dass wir euch verarschen. Unsere Medien werden schon wie gewohnt dafür sorgen, dass Ihr es nicht merkt.

Advertisements
Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Willkommen in Bayern

Bild | Veröffentlicht am von | Kommentar hinterlassen

Söder stoppen!

Die allermeisten psychisch kranken Menschen sind weder gefährlich, noch Straftäter. Wir erleben in Bayern gerade, wie durch ein scheinbar wohlwollendes Gesetz, psychisch Kranke unter Generalverdacht gestellt werden.

 

Es werden sich noch weniger Menschen Hilfe suchen, diejenigen wenigen Gefährder werden auf keinen Fall den Fehler begehen, sich behandeln zu lassen und die überwältigende Mehrheit der potentiellen Patienten wird sich zweimal überlegen, ob sie sich in die Gefahr begibt, nur weil psychisch krank aller Freiheiten beraubt zu werden.

Psychisch Kranke Menschen brauchen Hilfe, jemandem, dem sie vertrauen können, nicht die Angst im Nacken, weil jemand meint, man wäre auffällig, weggesperrt zu werden.

Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass jeder psychisch Kranke wohlwollenden behandelt wird. Es besteht das große Risiko, dass durch die Angst vor Stigmatisierung betroffene Patienten den Gang zum Therapeuten oder in die Klinik meiden und dadurch behandelbare psychische Krankheiten verschleppt und dadurch chronifiziert werden.

Hier alle psychisch Kranken unter Generalverdacht zu stellen ist kontraproduktiv.

Listen von psychisch Kranken zu erstellen und über Jahre den Behörden zur Verfügung zu stellen, stigmatisiert bereits geheilte und entlassene Patienten noch zusätzlich und stellt eine massive Einschränkung in Bezug auf den weiteren Alltag dar.

Der Fokus eines solchen Gesetzes muss auf Hilfe und der Grundannahme fußen, dass die überwiegende Mehrheit der psychisch Kranken keinerlei Gefahr für ihr Umfeld darstellt, was auch durch verschiedene Experten wiederholt bestätigt wurde.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Meine eigene Agenda

Zukunftsthemen, die wir dringend anpacken müssen. Die Medien beschäftigen uns gern mit Nichtigkeiten. Im Jahr der Fußball-WM und der Hochzeit von Prinz Harry wird das nicht anders laufen. Auch wenn mal ein wirklich wichtiges Thema angesprochen wird – Beispiel Hartz IV – bleibt die Diskussion oberflächlich, ändert sie vor allem nichts. Personalisierung (Wie sympathisch ist Jens Spahn? Wer gewinnt das Duell Seehofer/Söder?) beschäftigt den Geist der Menschen an der Oberfläche, während sich in der Tiefe nichts ändert. Welches sind die grundlegenden, die „ewigen“ Themen unserer Zeit. Was müsste sich wirklich ändern?

Thema „Demokratie“:
Mehr Bürgerbeteiligung statt „postdemokratischer Gesellschaft“

Das bisherige System definiert Demokratie als die Möglichkeit, zu wählen, wer uns beherrscht; wahre Demokratie würde dagegen bedeuten, zu wählen, wer unseren Willen ausführt. Das heißt konkret: Mehr Volksabstimmungen, auch zu Sachthemen, auch auf Bundesebene. Mehr Elemente eines basisdemokratischen Rätesystems. Mehr innerparteiliche Demokratie. Mehr Demokratie in allen Bereichen der Gesellschaft, z.B. in Betrieben, in Schulen und an Universitäten.

Thema „Umwelt“:
Da war doch mal was! – Die Klimakrise

Wir dürfen die Klimakrise nicht als skurriles Modethema abhaken und außerhalb drastischer Katastrophen (wie Fukushima) wieder vergessen. Erderwärmung und Umweltschäden machen keine Pause, bis uns die Lösung der Syrienkrise wieder Zeit lässt, uns ihr zuzuwenden. Der Fleischkonsum müsste drastisch zurückgehen, was nicht allein eine Frage des politischen Willens ist, sondern auch des Willens jedes Einzelnen von uns. Eine neue Kultur des Recyclings und der Wertschätzung des Gebrauchten, eine Epoche mit weniger Autos und vieles mehr wären notwendig. Hier steht uns allerdings der nächste Punkt, das Dogma von der Vollbeschäftigung im Weg.

Thema „Arbeit“:
Die Vollbeschäftigungslüge entlarven, der Arbeit ihr Erpressungspotenzial nehmen

Arbeit ist nicht unter allen Umständen eine gute Sache. Auch das Herstellen von Landminen und Überwachungskameras ist Arbeit, die Mitwirkung an unserer Antrags- und Schnüffelbürokratie, die Herstellung verdummender und verrohender Filme und Computerspiele, die Beteiligung an tierquälerischer Massenhaltung, die Produktion von Genussgiften usw. Wo unzählige Arbeitsstunden in unnötige und schädliche Tätigkeiten investiert werden, ist mehr Arbeitslosigkeit an und für sich keine Gefahr, sondern eher eine Hoffung. Auf der Bedeutung der Arbeit als einzige anerkannter Quelle von Existenz sicherndem Einkommen beruht aber ihre „Fetisch“-Funktion und ihr Erpressungspotenzial. Bei steigender Produktivität können die sinnvollen und nützlichen Arbeiten von immer weniger Menschen in immer weniger Arbeitsstunden ausgeführt werden. Wenn wir dennoch am Dogma der Vollbeschäftigung festhalten, bedeutet das, dass wir zunehmend schädliche und unnütze Arbeit kreieren müssen, damit alle (egal was!) arbeiten können. Und genau so sieht unsere Welt heute auch aus. Das gesellschaftliche Ziel muss also lauten: Weniger Arbeit wagen! Ziel einer neuen Ordnung wäre nicht mehr Vollbeschäftigung, sondern die Vollversorgung aller Bürger mit allen wirklich wichtigen Gütern und Dienstleistungen. Als konkrete Lösung wäre ein Maßnahmenpaket aus folgenden Komponenten denkbar: Rückführung von Übervermögen in Gemeinschaftsbesitz, Bedingungsloses Grundeinkommen, Reduktion schädlicher Arbeit, bessere Verteilung der verbleibenden nützlichen Arbeit (Arbeitszeitverkürzung), höhere Mindestlöhne.

Thema „Wirtschaft“
Die Wirtschaft darf nicht von Schäden profitieren, sondern von deren Vermeidung

Große Teile der Ökonomie, Gesundheitsversorgung und Rechtspflege sind derzeit „schwarze Wirtschaftszweige“. Sie profitieren vom Vorhandensein von Missständen und sind somit zumindest unbewusst nicht ernstlich an deren Abschaffung interessiert. Der größte Erfolg eines Arztes (nämlich die vollständige und nachhaltige Gesundung aller Patienten) wäre zugleich sein größter Misserfolg: der Zusammenbruch seiner Lebensgrundlage. Eine bessere Welt kann nur entstehen, wenn wir ein System in Frage stellen, in dem, um zu überleben, Gefängniswärter auf Gefangene angewiesen sind, Scheidungsanwälte auf Scheidungen, Ärzte auf Kranke, Waffenfabrikanten auf Kriege, Finanzbeamte auf ein kompliziertes Steuerrecht, Virenscannerhersteller auf Viren usw. Die Lösung kann in allen Fällen nur in folgende Richtung gehen: Vertreter aller Berufszweige müssen existenziell abgesichert sein, ohne zu ihrer Existenzsicherung auf eine große Anzahl von Schadensfällen angewiesen zu sein. Der Hauptfokus muss sich auf Prävention richten. Zusätzlicher Verdienst (über das Grundgehalt hinaus) darf es nur geben, wenn Verdienste um die Schadensvermeidung und Prophylaxe nachgewiesen werden können.

Thema „Wachstum“
Den zerstörerischen Wachstumszwang unterbinden, indem man seine Ursache angreift

„Kaum jemand wird einer Gruppierung, die die Welt für eine Scheibe hält, ein brauchbares Programm zur Erkundung des Weltraums zutrauen, und so sollte auch keiner Disziplin, die zeitlich unbegrenztes exponentielles Wachstum für realisierbar hält, eine Steuerung unseres Wirtschaftsgeschehens überlassen werden.“ (Jürgen Kremer) Argumente, die unbegrenztes Wachstum als widernatürlich und gefährlich in Frage stellen, sind heute zum Glück weit verbreitet. Als Lösung wird aber vielfach (außer allgemeinen Appellen) nur an den Einzelnen appelliert, seinen „Gürtel enger zu schnallen“. Dabei muss der Vorwurf, „die Deutschen leben über ihre Verhältnisse“ für „Working Poor“, Arme und Prekäre, die sich jeden Cent vom Mund absparen müssen, wie Hohn wirken. Wir können nicht gegen das Wachstum sein, ohne zugleich den im System eingebauten Wachstumszwang in Frage zu stellen. Wir können diesen Wachstumszwang nicht angreifen, ohne zugleich dessen Hauptursache, das durch Zins und Zinseszins erzwungene Überwachstum der Vermögen zu neutralisieren. Der Zins infiziert eine Gesellschaft auch mit einem psychologischen Wachstumsdruck und ist damit mitverantwortlich für Burnouts, Depressionen, Selbstunsicherheit und andere grassierende „Volkskrankheiten“. Dieser psychische Wachstumsdruck beruht auf zwei Prämissen. 1. Wenn wir nicht immer noch mehr leisten, leisten wir nie genug. 2. Wenn wir nicht lernen, auf immer mehr zu verzichten, sind wir nicht hart genug für die neue Zeit. Dies führt zu einem kollektiven Lebensgefühl der Angst und der atemloser Getriebenheit. „Wir schlagen wie wild mit den Flügeln, dass uns der Absturz verschont“ (Herbert Grönemeyer) Eine nachhaltige Gesundung der Wirtschaft wie auch der kollektiven Psyche ist nur möglich, wenn über ein Wirtschaften ohne Zins nachgedacht wird.

Thema „Schulden“
Schluss mit der Entwicklungshilfe für die Reichen!

Wir müssen uns von der Schuldentilgungslüge verabschieden, ebenso wie wir uns von der Vollbeschäftigungslüge trennen müssen. Die Staatsschulden in der gegenwärtigen Höhe können nicht mehr zurückgezahlt werden, also sollte man den arbeitenden Menschen auch kein schlechtes Gewissen deswegen einreden. Diese sind durch ihre kollektive Zahlungsunfähigkeit lediglich Vollstreckern einer systemimmanenten Logik, einer historischen Notwendigkeit geworden. Die Forderung, dass die Steuerzahler geliehenes Geld an Privat-Gläubiger zurückzahlen sollte, ist im Prinzip legitim; die Forderung, wir sollten über Generationen ein Vielfaches an Zins und Zinseszins berappen, so lange, bis uns die Luft zum Atmen ausgeht und wir zu einer Herde willfähriger „Working Poor“ mutiert sind, diese Vorstellung ist nicht nur illusorisch, sie ist auch ethisch verwerflich. Wir brauchen endlich ein Insolvenzverfahren für den Staat, einen geordneten Zahlungsstopp nach dem Grundsatz: Schuldentilgung ja, Zinszahlung nein! Natürlich erfolgten die Vereinbarungen mit Gläubigern über Tilgung und Zins nach geltendem Recht. Wir müssen aber bedenken, dass der Punkt, an dem Schulden nicht mehr rückzahlbar sind, an dem also streng genommen Recht gebrochen werden muss, ohnehin kommen wird. Die Frage ist nur: Wann wagen wir es, den ohnehin notwendigen Zahlungsstopp durchzusetzen? Tun wir es jetzt, solange es uns noch leidlich gut geht, oder warten wir ab, bis das Sozialstaatsgebot unserer Verfassung, bis das Recht auf Leben, bis alle Gebote der Menschlichkeit gebrochen worden sind. Nehmen wir also aus Angst, Tilgungsvereinbarungen zu verletzen, den Verfassungsbruch und millionenfaches Elend in Kauf?

Thema „Hartz IV“
„Hast du das Leben verdient?“

Der dem Vernehmen nach unfassbar grausame Horrorfilm „Saw III“ wurde mit dem Slogan „Hast du das Leben verdient?“ beworben. Es geht um „Bewährungsproben“ weit oberhalb der Schmerz- und Ekelgrenze, mit denen ein selbsternannter Versuchsleiter für „natürliche Auslese“ zwischen den Versuchskandidaten sorgt. Der Vergleich mag übertrieben erscheinen, aber im Grunde geht es beim Hartz-IV-Prüfungsverfahren genau darum: Hat der Antragsteller das Leben verdient? Die vielen Hürden, Schwierigkeiten und Schikanen, die das Amt vor den Bezug von Hartz IV legt, dienen ja dazu, sicher zu stellen, dass auch ganz sicher niemand unverdientermaßen sein Existenzminimum in Anspruch nimmt. In einem so heiklen Bereich wie dem Existenzminimum wird von Hartz-IV-Sachbearbeitern häufig nach dem Motto „Im Zweifel gegen den Angeklagten“ entschieden. Wozu wurde dann aber das Existenzminimum überhaupt definiert? „Minimum“ bedeutet ja, dass es von da aus nicht mehr abwärts gehen kann. Das nackte Überleben von Menschen ist kein Spiel, bei dem es um Machtkämpfe zwischen Bürgern und Bürokraten, um demonstrativ gezeigte „Strenge“ oder um Kostenersparnis gehen darf. Das Grundgesetz spricht eindeutig von einem „Recht auf Leben“, nicht von einem Lebensrecht für besonders gewiefte, ausdauernde und gegenüber der Behörde unterwürfige Menschen. Schleichend wird so ein Paradigmenwechsel im Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern etabliert. Nicht mehr der Bürger hat ein individuelles, einklagbares Recht auf staatliche Leistungen, sondern der Staat hat das Recht, von Bürgern auch erniedrigende Unterwerfungsgesten einzufordern und verwendet das Existenzminimum als Druckmittel. All diese Überlegungen deuten auf das Bedingungslose Grundeinkommen als Lösung hin (also ohne Überprüfung und Sanktionsdrohungen uneingeschränkt garantierte Recht auf Leben).

Thema „Innere Sicherheit“
„Die Dämmerung setzt nicht plötzlich ein“

Aus früheren Revolten haben die Mächtigen gelernt, dass es sich empfiehlt, polizeistaatliche Strukturen nicht erst als Reaktion auf Proteste, sondern schon vorher – präventiv – zu errichten. Anders ausgedrückt: Der eilfertige, der tatsächlichen Gefahrenlage scheinbar unangemessene Abbau von Bürgerrechten in Deutschland deutet darauf hin, dass sich unser Staat auf eine mögliche Revolte vorbereitet. Die Mächtigen fürchten uns, die Bürger, längst bevor wir uns selbst dessen bewusst sind, irgendwie „furchterregend“ zu sein. In Deutschland wird nicht überwacht, weil der Innenminister ernsthaft glaubt, dass Terroristen einander ihre Absichten per Email übermitteln würden. Das Wissen um die neuen Überwachungsmöglichkeiten des Staates hat vielmehr die Funktion, im Volk diffuses Unbehagen auszulösen, uns dazu zu bewegen, unsere Worte (per Mail, Telefon und auf öffentlichen Plätzen) künftig sorgfältiger zu wägen. Man weiß ja nie, wer mithört. Im Gegensatz dazu, was Idealisten glauben, erzeugt die Erwartung einer möglicherweise herannahenden Diktatur nämlich keineswegs bei allen Menschen die Entschlossenheit zur Gegenwehr. Vielmehr neigt die Mehrheit zur vorauseilenden Anpassung an einen Gleichschaltungsdruck, selbst wenn dieser noch gar nicht da ist, sondern lediglich in naher Zukunft kommen könnte. Diese Psychodynamik ist den Vertretern von mehr Überwachungsstaat durchaus, den Gegnern dieser Entwicklung jedoch noch viel zu wenig bewusst. „Wer in der Demokratie schläft, wird in einer Diktatur aufwachen“. Das erste Ziel von Protesten sollte also darin bestehen, unsere Recht und unsere praktische Möglichkeit zu protestieren, vehement zu verteidigen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Die zärtliche Revolution der Würde

Was macht eine menschlich gewordene Gesellschaft aus? Ob wir es vor uns selbst oder vor anderen zuzugeben bereit sind oder nicht: Wir Menschen sind keine Einzelkämpfer. Als Einzelne könnten wir nicht einmal überleben, geschweige denn uns weiterentwickeln. Wir sind soziale Wesen und deshalb brauchen wir eine verlässliche Gemeinschaft mit anderen Menschen, um die in uns angelegten Potentiale zu entfalten. Weil unser menschliches Gehirn aber so stark durch die jeweiligen individuellen Erfahrungen geprägt wird, die jede und jeder von uns im Leben macht, ist jeder Mensch einzigartig. Wir sind also alle ganz unterschiedlich. Haben verschiedene Auffassungen, vertreten verschiedene Ansichten, verfolgen unterschiedliche Interessen und Ziele, erleben bei unterschiedlichen Anlässen Freude oder Angst. Deshalb brauchen wir etwas, das uns trotz aller Unterschiedlichkeit hilft, unser Zusammenleben nicht nur erträglich, sondern fruchtbar zu machen. Doch reicht eine gemeinsame Sprache, reicht eine Regierung und reichen Gesetze hierfür aus? Insbesondere in einer „globalisierten“ Welt?

Wie hältst Du es mit der Religion?“ hatte Goethe in seinem Faust das mit dem Herzen sehende Gretchen ihren von Mephisto verführten Geliebten fragen lassen. Damals war das Leben um Weimar herum noch überschaubar. Wer von Religion sprach, meinte das Christentum. Geistliche und weltliche Herrscher bestimmten, was erlaubt und was verboten war. Das Zusammenleben der Menschen war bestimmt von historisch gewachsenen sozialen Ordnungen. Und die hielten die meisten für gottgegeben und damit unveränderbar. Für freie Geister, wie diesen Dr. Faustus, war eine solche Welt schon damals viel zu eng. Er wollte wissen, was sie im Innersten zusammenhält. Deshalb hatte er ja diesen fatalen Pakt mit dem Teufel geschlossen.

Heute leben wir in einer von dieser geistigen Enge befreiten, globalisierten, digitalisierten und rund um den Globus vernetzten Welt. So steht es jedenfalls in den Zeitungen. „Fack ju Göhte“ ist zu einem der erfolgreichsten Kinofilme der letzten Jahre geworden. Er zeigt aber nicht nur, wie es in unseren Schulen zugeht, denn die sind ja immer nur ein Abbild der jeweiligen Beschaffenheit und des inneren Zusammenhalts einer Gesellschaft.

Wie viele Menschen können mit der Gretchenfrage heute überhaupt noch etwas anfangen? Manche verstehen nicht genug Deutsch. Manche wissen nicht, was mit dem gemeint ist, was sie dazu auf Wikipedia finden. Manche fragen auch berechtigterweise zurück, welche Religion denn hier von diesem Gretchen gemeint sei. Was den besessenen Faust damals noch etwas irritiert hatte, stößt heute bei den meisten Menschen auf schulterzuckendes Unverständnis. Sogar Christen tun sich schwer mit einer klaren Antwort. Die Welt ist für so eine einfache Frage ganz offenbar zu kompliziert geworden.

Der Dalai Lama hat deshalb unlängst vorgeschlagen, der Ethik einen höheren Stellenwert einzuräumen als der Religion. Dahinter verbirgt sich die Hoffnung, eine über alle Religionen hinausreichende und in allen Religionen enthaltene ethische Dimension zur Grundlage unseres künftigen menschlichen Zusammenlebens machen zu können. Manche versuchen es auch mit moralischen Apellen.

Aber sind ethische oder auch moralische Maßstäbe hierfür wirklich geeignet? Wird nicht das, was die Menschen in dem einen Kulturkreis als ethisch korrekt und moralisch rechtens betrachten, in einem anderen Kulturkreis ganz anders bewertet? Ethische und moralische Vorstellungen waren schon immer von dem bestimmt, was die Mehrzahl der Mitglieder einer Gemeinschaft für richtig und notwendig hielt. Und das war niemals überall gleich und hat sich auch bei uns immer wieder verändert. Die Nazis hatten auch eine Moral und eine Ethik, aber das war eine andere als jene, die wir heute für geeignet halten. Und die ethischen und moralischen Werte, die von den Anhängern des gegenwärtigen US-amerikanischen Präsidenten vertreten werden, möchten die meisten hier bei uns wohl kaum zur Grundlage ihres Handelns machen.

Aber als soziale Wesen brauchen wir Menschen irgendetwas, das uns hilft, unser Zusammenleben in geordnete Bahnen zu lenken und fruchtbar zu machen. Interessanterweise haben die über Jahrtausende hinweg entwickelten, sehr klar definierten und so gut wie möglich abgesicherten hierarchischen Ordnungen genau das geleistet. Sie erwiesen sich als sehr geeignet, um das Zusammenleben von Menschen zu steuern und sind deshalb in alle gesellschaftlichen Bereiche vorgedrungen. In Familien, Unternehmen, im Militär sowieso. Sogar die Kirchen sind hierarchisch organisiert. Ohne solche hierarchischen Ordnungsstrukturen hätten unsere Vorfahren weder einen Krieg führen noch ihr Hab und Gut schützen können. Entstanden sind sie sehr wahrscheinlich mit der Sesshaftwerdung, also vor etwa zehntausend Jahren.

Die hierarchische Strukturierung einer Gesellschaft gewährleistet aber nicht nur ein einigermaßen geordnetes Zusammenleben ihrer Mitglieder. Sie haben auch einen interessanten Nebeneffekt: In allen Hierarchien strengen sich die auf den unteren Etagen gelandeten Menschen mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Fähigkeiten enorm an, um durch besondere Leistungen auf der Stufenleiter dieser Hierarchien etwas weiter nach oben aufzusteigen.

Sie erzeugen etwas, sie entdecken etwas, sie erfinden etwas – kurz: Sie bringen ständig etwas Neues in die Welt, neues Wissen, Entdeckungen, Erfindungen und innovative Technologien. Diesem Umstand verdanken wir all das, was wir heute als wissenschaftlich-technische Entwicklungen begrüßen, als ökonomische und soziale Errungenschaften feiern, auch das, was wir als ständige Erweiterung unserer Möglichkeiten erleben und was viele für einen Gewinn an Freiheit halten. Zwangsläufig wird aber durch all diese Leistungen und Fortschritte die Lebenswelt der Menschen zunehmend komplexer. Denn jede dieser Erfindungen, Entdeckungen oder neu entwickelten Produkte breitet sich ja sehr schnell in der Gesellschaft aus.

Inzwischen ist absehbar – und wird in manchen Bereichen auch schon recht offensichtlich –, dass unser Zusammenleben in dieser so entstandenen hochkomplexen Welt durch hierarchische Ordnungen nicht mehr steuerbar ist. Deshalb beginnen sich diese Strukturen in unserer gegenwärtigen vernetzten, globalisierten und digitalisierten Welt nicht nur in Familien und Kommunen, auch in Unternehmen und Organisationen zunehmend spürbarer aufzulösen. Scheinbar gewinnen die Menschen dadurch mehr Freiheit und es eröffnen sich ihnen bisher ungeahnte neue Möglichkeiten. Aber unser Zusammenleben ist dadurch nicht leichter geworden. Im Gegenteil . Die Verunsicherung wächst und die soziale Ordnung wird zunehmend instabiler. Als Einzelne oder eingebunden in Gruppen von Gleichgesinnten versucht eine wachsende Zahl von Menschen, ihre jeweiligen Interessen möglichst erfolgreich auf Kosten anderer durchzusetzen.

Deshalb gibt es jetzt so viele verunsicherte Bürger, die sich eine Wiederherstellung der alten, verlorengegangenen hierarchischen Ordnung wünschen. Oder die nach strengerer Einhaltung der innerhalb dieser Ordnung geschaffenen und diese Ordnung bisher gewährleistenden gesetzlichen Regelungen rufen. Oder nach mehr Moral und Ethik in Politik und Wirtschaft. Aber hierarchische Ordnungsstrukturen können ja nur dann wieder funktionieren, wenn wir unsere Welt wieder so einfach und überschaubar machen, wie sie einmal war. Herbeiführen lässt sich das beispielsweise durch einen möglichst zerstörerischen Krieg.

Wenn wir diesen Weg der Selbstzerstörung vermeiden wollen, bleibt uns nur die Möglichkeit, uns gegenseitig dabei zu helfen, uns dessen bewusst zu werden, was unser eigentliches Menschsein ausmacht. Wir müssten einander also ermutigen, in uns selbst so etwas wie einen inneren Kompass zu entwickeln, der uns Orientierung für die Gestaltung eines menschenwürdigen Zusammenlebens bietet:

So bleibt uns auf der gesellschaftlichen Entwicklungsstufe, auf der wir inzwischen angekommen sind, nun wohl nichts anderes übrig, als zu der Einsicht zu kommen, dass es bei der Gestaltung unseres Lebens und unseres Zusammenlebens mit anderen Menschen, auch mit allen anderen Lebewesen auf diesem Planeten, nur um eines gehen kann: um die Wahrung unserer eigenen Würde, die den Kern unserer Menschlichkeit ausmacht. Denn wer sich seiner eigenen Würde bewusst geworden ist, kann die Würde anderer nicht mehr verletzten. So jemand stellt sich anderen nicht mehr als Objekt für die Verfolgung von deren Interessen zur Verfügung. Solche Menschen sind auch nicht mehr verführbar. Und sie machen auch keinen anderen zum Objekt ihrer Interessen und Absichten, ihrer Erwartungen und Bewertungen, ihrer Belehrungen und Maßnahmen. Das wäre unter ihrer Würde.

Wie hilfreich sind also angesichts dieser durch uns zu gestaltenden Zukunft all die bisher gestellten alten Fragen? Haben uns die endlosen Debatten darüber, was für moralische und ethische Maßstäbe, welche Religion oder welche gesetzlichen Regelungen wir brauchen, in irgendeiner Weise dabei geholfen, Hunger und Krieg, den daraus erwachsenen Flüchtlingsströmen, dem Klimawandel oder dem Artensterben endlich Einhalt zu gebieten? Lautet nicht daher die entscheidende Frage, die wir uns künftig gegenseitig stellen müssten: „Wie halten Sie es mit Ihrer Würde? Ist das, was Sie tagtäglich tun und wie Sie Ihr Zusammenleben mit anderen Menschen gestalten, mit Ihrer eigenen Würde vereinbar?“

Meine persönliche Antwort lautet: „Ich versuche es und ich werde es jeden Tag weiter versuchen, auch wenn es mir nicht — noch nicht — immer gelingt.“ Ganz allein und inmitten all der Würdelosigkeiten, die unser Zusammenleben in so vielen Bereichen bestimmen, ist das auch nicht so leicht. Wir alle sollten eine Menschlichkeitsinitiative starten und täglich leben, die den Aufbau von „Würdekompass-Gruppen“ in möglichst vielen Städten und Gemeinden unterstützt und alle Bürger einlädt, sich gemeinsam auf den Weg zu machen, um unser Leben und unser Zusammenleben endlich würdevoller zu gestalten als bisher.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Hin und Quer gedacht

Zählen zu den Untaten der Geschichte

nicht auch die ungetanen Taten

gegen die Untaten der Geschichte?

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Wegschauen oder engagieren? Wo positioniere ich mich?

„Wenn wir aufhören, die Demokratie weiterzuentwickeln, fängt die Demokratie an aufzuhören.“ Das hat Ute Scheub geschrieben. Es ist auch richtig, klingt aber irgendwie unsexy. „Demokratie“ weckt hier erst einmal Assoziationen von verstaubten Plenarsälen und scheint mir bis auf das Kreuzchen-Machen bei den Wahlen ziemlich weit weg zu sein. Und dann …. streift mein Blick die nächstbeste Zeitung und mir springen die haarsträubenden News von Trumps Pussy-Grabbing, AfD-Parolen und Fremdenhass ins Auge und ich versinke in einem Wechselbad aus Scham, Angst, Wut und Trauer. Und plötzlich sind das Politische und das Private wieder ganz nah beisammen.

In was für einer Gesellschaft will ich leben? Reicht es, wenn ich einfach Zuschauer der Ereignisse bleibe und all meine Energie auf mein eigenes Leben konzentriere? Zwar in Gemeinschaft, ökologisch, spirituell, aber doch recht überschaubar. Es braucht doch einen größeren politisch-sozialen Prozess, der unserem Gesellschaftskunstwerk immer wieder neues Leben einhaucht! Sonst finden wir uns tatsächlich irgendwann in einer Welt wieder, die Schwarz-Weiß-Denken über Pluralismus stellt und in der ich mich mit meinem Leben auf einmal als bedrohte Minderheit wiederfinde. Und klage dann über den Zustand der Welt und „die Bösen da draußen“. Alles keine völlig undenkbaren Szenarien.

Viel interessanter aber ist doch die Frage, was eigentlich in mir los ist. Wie verbinde ich mich überhaupt wieder mit der Lust, mich zu positionieren, mich einzumischen? Wo stehe ich und was hindert mich, einfach loszulegen?

Eine Bestandsaufnahme

Die innere Betrachtung dieser Frage fördert einiges zutage, das da im Weg liegt. Zum Beispiel der Zustand unserer politischen Kultur. Was ich davon mitbekomme, löst in mir einiges aus: Langeweile, Ärger, Verzweiflung, aber nur wenig Lust, mich zu beteiligen. Ich schätze die parlamentarische Demokratie und werde sicher wählen gehen, wenn es wieder soweit ist. Gleichzeitig scheinen mir allerdings viele politische Formen in unserer Gesellschaft angesichts der Schnelligkeit sozialer Netzwerke und der Wirksamkeit digitaler Plattformen seltsam starr und unkreativ. Aber wie können eine Positionierung und ein aktives Mitgestalten dann aussehen? Sind es Demonstrationen, Flashmobs, Unterschriftenaktionen? Oder geht es vielleicht darum, anderen meine Qualitäten im Raum-Halten zur Verfügung zu stellen, Prozesse zu moderieren? Und wie soll ich mich in einer politischen Kultur verorten, die ihre Energie vor allem aus dem Kampf gegen etwas oder gegen jemanden zieht? Denn die Lösung liegt bei Konflikten ja meist nicht in einer der beiden Positionen, die sich da streiten, sondern in etwas Drittem.

Im persönlichen Leben übe ich mich darin, die Spannung beider Positionen in mir sein zu lassen. Wenn der Raum in mir weit genug ist, um für beide Seiten präsent zu sein, kann etwas Neues geschehen. Soweit die Theorie. Manchmal gelingt es auch. Aber gilt das auch für politische Konflikte? Fühlt sich an wie ein Fall von zu hohem Anspruch: einerseits klar Position beziehen und andererseits den inneren Raum nicht verlieren. Oder geht es vielleicht weniger um das, was wir tun, als vielmehr darum, wie wir es tun? Also um eine Haltung von Liebe oder Angebunden-Sein in Diskussionen, Aktionen und konfliktreichen Situationen? Viele Fragen, wenig Klarheiten.

Aber so langsam wächst die Lust, mich genau darüber auszutauschen, mit Menschen, die Gleichgesinnte sind. Und wie gelingt es mir, bei all dem nicht auszubrennen? Der Wunsch, die Welt zu verbessern, kann eine Falle sein. Ideale sind Antreiber, aber wenn sie der einzige Maßstab unseres Handelns sind, ist es nie genug, sind wir nie am Ziel. Wir laufen auf immer und ewig dem Paradies hinterher. Also ist es vielleicht die Verbindung nach innen, die den Unterschied macht. Das Fühlen, den Körper und die eigene Präsenz nicht außen vor zu lassen. Politisches Handeln, das sich nicht nur im Denken erschöpft, sondern die anderen Quellen des Mensch-Seins mit dazu nimmt. Auch Kunst kann ein Weg sein, indem sie Risse in der Wahrnehmung der Realität erzeugt. So wie es das Institut für politische Schönheit seit einiger Zeit mit viel Radikalität und Strahlkraft vorführt.

Ein Gesellschaftskunstwerk

Ich habe auf jeden Fall Lust, Diskursfreude, Neugierde, Gestaltungslust und Kreativität zu wecken. Und möchte die Frage stellen, wie ich im Sinne von Beuys zu einem Künstler der ganz großen sozialen Plastik werde. Damit „etwas gegen das Bestehende gesetzt werden kann, als Vorbild, Vorschlag, Labor“ (Harald Welzer). Denn mein Anliegen ist: ein soziales und politisches Leben zu ent – decken, das auf Kooperation und Evolution basiert. Denn wir Menschen haben ja die Wahl, uns für das Bessere einzusetzen – inmitten und mit all unserer Unvollkommenheit und unserem Nichtwissen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen