ALARMSIGNAL: gefressen werden

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Offener Brief eines Arbeitslosen an Frau Andrea Nahles, Bundesministerin für Arbeit und Soziales

Freitag, 2.6.2017, Eifel.

Liebe Frau Nahles! Endlich komme ich mal dazu, Ihnen zu schreiben. Das nehme ich mir schon lange vor, weil – nun: Sie reden immer so gerne über Arbeitslose, da dachte ich mir: reden Sie doch einfach mal mit Arbeitslosen … oder noch besser: hören Sie einfach mal zu. Ich weiß, dass das schwer fällt, denn immerhin … sind wir die Unterschicht, oder, vornehmer formuliert: das Prekariat. Kurz: der Dreck, der Abschaum, die Unmenschen, Schuld am Leid des ganzen Landes. Wir saufen den ganzen Tag, rauchen wie Fabrikschlote und sind die Hauptursache, dass RTL 1-24 nur erbärmlichsten Schund produziert: außer uns schaut das nämlich keiner. Wir sind ausländerfeindlich, rechtsoffen, homophob, islamophob, können mit den hochwertigen Errungenschaften der Genderwelt nichts anfangen, weil wir bei der Frage nach unserem Geschlecht einfach in die Hose schauen und dann eine eindeutige Antwort geben können. Wer redet schon gerne mit solchen … Wesen. Sie sind doch eigentlich gar nicht mehr richtig menschlich, oder? Eher so eine Art … Untermenschen.

Sie können edle Weine nicht von billiger Plörre unterscheiden, kaufen billigstes Fleisch bei Aldi, halten „Vegan“ für eine Fortsetzung der Science-Fiction-Serie „Sie kamen von der Wega“ und waren noch nie an den schönsten, von National Geographic ausgezeichneten Urlaubsorten der Welt, sie haben kein Geschirr von Villeroy und Boch, waren noch nie beim Bundespräsidenten eingeladen und haben auch keinen der vielen vielen Preise erhalten, die sich die gehobene Gesellschaft gegenseitig so gerne verleiht. Man kann mit ihnen nicht über die Wahnsinnsgefühle reden, die einen überkommen, wenn in den neuesten Theaterstücken auf der Bühne gekotet und uriniert wird, wenn man in feinstem Kreise pseudokannibalistische Rituale als künstlerischen Akt genießt oder mit dem neuesten Audi-SUV mit 200 über die Autobahn brettert, als sei man ein Sportwagen.

So ist es doch, oder?

Nur mit harter Hand kann man diesen Pöbel dazu bringen, gehorsam zu sein. Man muss sie straff führen, wie Hunde – und sie auch sonst so behandeln. Zuckerbrot und Peitsche – was anderes verstehen die nicht. Fehlt die harte Hand des Herren … weigern die sich nachher noch, Steuern und Abgaben zu bezahlen – und man müsste nachher als hochwohlgeborener Elitemensch noch selber arbeiten gehen – was einem nur die Fingernägel und die Figur ruiniert.

Ja, das war jetzt ein wenig harter Tobak, das stimmt: aber mal Hand aufs Herz: Sie kennen sicher einige, die so denken, nicht wahr? Ich könnte Ihnen ein paar Namen nennen, die öffentlich drastisch solche Horrorbilder befördert haben – was ja nichts besonderes ist. Die Entmenschlichung des Feindes ist der erste Schritt in jedem Krieg, je abartiger der dargestellt wird, umso leichter fällt es, ihn auszulöschen, ja, man fühlt sich letztendlich sogar richtig gut bei jeder Leiche, die man hinterläßt, so als würde man das Werk Gottes tun und die Welt vom Bösen reinigen. Nun – mal abgesehen, dass Gott erstmal nicht vorhat, die Welt vom Bösen zu reinigen – und möglicherweise sogar einen geheimen aber gut Plan mit dem Bösen hat – ist das Auslöschen von Menschen nie gut, egal, wie überzeugt man selbst davon ist, dass das eine gute Sache sei.

Vielleicht sollte ich erstmal etwas über mich erzählen? Sie Frau Nahles kennt jedermann, ich bin nur ein völlig unbekannter Mensch aus einer verstoßenen Maße, die man gerne die ungebildeten Schichten nennt. Ich werde dieses Jahr 58 Jahre alt. Ich habe die Hauptschule besucht, danach Abitur gemacht, mein Studium als einer der Jahrgangsbesten abgeschlossen, Karriere in der Pharmaindustrie gemacht und meine Bafög-Schulden komplett abbezahlt. Mein Vater war Schreiner, er starb sehr früh an Prostatakrebs, meine Mutter war Hausfrau und gelernte Verkäuferin – also jene Berufe, in denen man schon mal leichter arbeitslos wird. Mein Vater war jedoch nie arbeitslos, meine Mutter auch nicht. Ich auch nicht bis … ja nun, bis dieser Moment beim Arzt kam, der mir klar machte, dass die unerträglichen Schmerzen im Rücken nie wieder verschwinden werden und ich mit 45 eine ganz neue Arbeit brauchte. Meine Firma war so nett – nachdem ich ihr schnell noch einen Auftrag für 1,3 Millionen Euro besorgt hatte – das Arbeitsverhältnis zu kündigen, dank der Reform des Kündigungsschutzgesetzes gab es auch keinen Kündigungsschutz: der Anwalt der Gegenseite hatte die Belegschaft schnell auf 9,5 Mitarbeiter heruntergerechnet.

Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit – nachdem mehrere Mitarbeiter des Arbeitsamtes mir klar gemacht hatten, dass sie für mich keine Arbeit hätten, erst recht nicht bei meinem Alter (45) und überhaupt nicht unter Berücksichtigung meines Gesundheitszustandes – wurde ich der erste Kunde der neuen Jobcenter, die mich sofort – obwohl ich noch in Bezug von ALG 1 war – mit einem Jobangebot überfielen, dass ich mit meinem Gesundheitszustand überhaupt nicht mehr bewältigen konnte. Natürlich wurde mit der völligen Einstellung der Leistungen gedroht.

Nun – ich will nicht ja nicht klagen, aus Ihren Sphären hört man dann ja schnell, wie gut es uns doch geht – verglichen mit den hungernden Kindern im Sudan. Mich hat immer gewundert, wie schnell man die Armut Afrikas als Normstandard für eins der reichsten Länder der Welt nimmt – aber nicht die Abgeordnetenbezüge des Sudan für wünschenswert hält. Was kriegen die eigentlich? Drei Hand voll Reis im Monat und ein frisches Magazin für die Kalaschnikow, um das Parlament gegen Banden verteidigen zu können? Ich weiß es nicht. Darum geht es mir auch gar nicht.

Worum es mir geht? Ihnen mal aus erster Hand zu schildern, was „Arbeitslosigkeit“ mit einem Menschen anrichtet. Ich werde Ihnen aufzeigen, dass „Arbeitslosigkeit“ gesellschaftlich wie Krebs zu behandeln wäre – anstatt wie eine vom Gott des Marktes verhängte Strafe für „unrein sein“.

Was sind die ersten Folgen von Arbeitslosigkeit?

Nun – zuerst kommt die Enteignung. Wir hatten sechs Kinder, für jedes dieser Kinder wäre nach unserem Ableben eine Eigentumswohnung vorhanden gewesen – und ein Baugrundstück. Ja – wir hatten vorgesorgt, dafür gesorgt, dass die kleinen glücklichen Küken eine Basis hätten, von der sie aus ins Leben starten können. Das Eigentum – musste natürlich weg, Sie kennen die Gesetze. Mit den Baugrundstücken – die natürlich zwangsversteigert werden mussten – das Gesetz kennt keine Geduld – macht nun ein Unternehmer Millionengewinne. Damals waren die noch nicht soviel Wert, vor allem sollte da nicht gebaut werden, solange die Kinder die Wiesen als Spielplatz brauchten – und ich dort hunderte Bäume pflanzte, um unsere grausame Klimabilanz aufzuhübschen. Mit den Gewinnen aus dem Geschäft, das sich dort jetzt entfaltet, hätten wir ganz ohne Hartz IV lange leben können. Sicher – ich bekam eine winzig kleine Rente (Sie wissen, wie winzig die ist: Ihre Partei hat die ja extra zusammengekürzt), aber die reicht nicht für eine Familie.

Ich hatte ja zu tun – mit doppeltem Bandscheibenvorfall, zertrümmerter Lendenwirbelsäule und dementsprechend vielen Arztbesuchen, Behandlungen und Klagen gegen alles und jedermann, außerdem musste – nach staatlicher Plünderung unseres Eigentums – ein Privatkonkurs organisiert werden (ja: Überraschung – Zwangsversteigerungen bringen nicht so viel wie ein organisierte Verkauf … und da außer den ersten beiden Wohnungen noch nicht alles abbezahlt war, blieben Schulden übrig. Nicht viel – aber genug). Wir hatten ja noch Glück: wir fanden ein Haus, das groß genug für uns war und nur ganz wenig Miete kostete (aber ganz schlecht isoliert war: die Heizkosten waren der Horror: darum froren wir auch ein paar Wochen lang, während es draußen minus 11 Grad war). Es lag wunderschön – nur konnten die Kinder nicht mehr die Eliteschule in Belgien besuchen: 100 km Autofahrt am Tag war einfach nicht mehr drin. Nun – für Belgien war das eigentlich keine Eliteschule, nur ich habe sie so genannt, weil sie so viel fortschrittlicher war als unsere Schulen: dort konnte man gleichzeitig mit dem Abitur eine Berufsausbildung machen (z.b. als Friseur oder Comiczeichner) und sich nach dem Verlassen der Schule – bei bestandenen Prüfungen – sofort als Meister selbständig machen – irre, oder?

Am schlimmsten traf es zuerst die Kinder, sie haben sich bis heute noch nicht davon erholt: vor allem der älteste, bald 30, hat dank Vater Staat weder einen Schulabschluss noch eine Berufsausbildung: er hat den Absturz der Familie ins soziale Nichts nie überwunden, sich völlig zurückgezogen von der Welt. Dank Vater Staat? Denken Sie nur an das Bild von uns, dass ich oben beschrieben habe: damals haben die Kinder noch Fernsehen geschaut (ich habe es kurz danach völlig abgeschafft, um sie vor der Grausamkeit und Häme von Medien und Politik zu schützen), ihnen war schnell klar, dass sie nun – von heute auf morgen – versoffene Hartzis waren, der Abschaum der Republik. Also brachen sie die Schule ab – jedenfalls die drei Großen, die alt genug waren, selbst zu entscheiden. Die jüngeren bekamen bald Kleiderspenden von Klassenkameraden – was enorm peinlich war.

Dann kam die Trennung der Familie.

Vielleicht kennen Sie die Studie von Forbes: 75 Prozent der Frauen können mit arbeitslosen Partnern nichts anfangen, die kosten nur und bringen nichts (siehe Forbes), außerdem belohnen Sie ja die Trennungen: Alleinerziehende erhalten eine Prämie von 120 Euro im Monat („Alleinerziehendenzuschlag“), wer seine Kinder liebt, ihnen häßliche Armut ersparen will, hat hier einen sicheren Weg, Erleichterung zu schaffen.

Können Sie sich vorstellen, wie „Mann“ sich da fühlt? Nun – Männer sind eine Minderheit in Deutschland – und zwar eine sehr ungeliebte, weshalb das egal ist. Man weiß schnell, dass man als Partner völlig unattraktiv ist, denn: wer mit einem zusammen ziehen will, muss zahlen. Schnell ist man eine „Bedarfsgemeinschaft“ und der Staat überlässt die Zahlungsverpflichtungen dem neuen Partner: betriebswirtschaftlich gesehen ist man in einer Partnerschaft reiner Ballast geworden – zumal heute die Gehälter einzelner kaum ausreichen, eine ganze Familie zu unterhalten, schnell gerät man dann selbst in die Fänge des Jobcenters, die einem dann Stellenangebote schicken (mehr Geld, aber viel weniger soziale Sicherheit) damit man dem Partner komplett aus dem Bezug heraushelfen kann. Alles schon dagewesen.

Wer sich auch trennte? Die Freunde. Und die Verwandschaft. Ja – die Hasskultur im „Mainstream“ hat halt auch Folgen, man ist nicht sonderlich stolz darauf, wenn bei der Hochzeit der Tochter der arbeitslose Cousin mit seinen billigen Klamotten auftaucht und auf die Frage „Und was machen Sie so beruflich“ nur peinlich berührt wegschauen kann. Es war auch gut so, dass die verschwanden, denn: den Geschenkekult der Konsumgesellschaft kann ein „Hartzi“ nicht mitmachen. Auch nicht zu Weihnachten. Es gibt jeden Monat den gleichen Betrag, egal, ob Oma Geburtstag hat oder Weihnachten ist. Man wird zwar schnell einsamer – weil man die vielen Einladungen zum Grillen einfach nicht mit noblen Gegeneinladungen erwidern kann – aber erspart sich dadurch auch enorme Kosten. Man muss außerordentlich streng wirtschaften, um überhaupt überleben zu können: die Preise steigen ständig. Der Hunger steht als Möglichkeit wieder vor der Tür.

Was dann kommt?

Krankheit.

Frau Nahles, nun laufen Sie nicht weg, wir sind noch nicht fertig. Nein, ich zitiere jetzt mal auch keine „alternativen Fakten“, sondern die Bundeszentrale für politische Bildung (siehe BpB):

„Mögliche individuelle Folgen der Arbeitslosigkeit, insbesondere der Langzeitarbeitslosigkeit, sind u.a. psychologische und gesundheitliche Probleme, Entqualifizierung (Entwertung der bisher erlangten Qualifizierung), gesellschaftlich-kulturelle und soziale Isolation (Stigmatisierung), familiäre Spannungen und Konflikte, Schuldgefühle, Aggressivität und trotz Grundsicherung relativer Verarmung. Zwischen den meisten genannten Folgen besteht dabei ein sehr enger Zusammenhang.

Die Folgen von Arbeitslosigkeit beschränken sich nicht auf die Arbeitslosen selbst. Auch für nahe Angehörige kann Arbeitslosigkeit eine gravierende Beeinträchtigung von Wohlstand, Selbstachtung, sozialem Ansehen und Lebenschancen bedeuten. Selbst bei Beschäftigten werden Arbeitsvermögen, Leistung, Solidarität und Krankenstand beeinflußt.“

Man weiß das seit Anfang der 30´er Jahre. Und das … haut besonders ´rein – die leibhaftige Erfahrung von purer Bosheit und reinstem Sadismus. Es gab keinen rationalen Grund für die Horrorgesetze der Agenda 2010, die in so vielen Punkten (Reisefreiheit, Freiheit der Berufswahl, Unantastbarkeit der Wohnung – um nur einige zu nennen) mit der Verfassung kollidierten – und Peter Hartz hatte das ja auch nie so gemeint. Er kam wie ich aus der Privatwirtschaft, setzte ganz naiv die Methoden der Mitarbeiterförderung von VW auf das Arbeitsamt um – ohne sich auch nur den kleinsten Gedanken darüber zu machen, dass die Beitragsgeldvertilger aus dem Mammutamt für Arbeitslosenverfolgung ethisch, moralisch, fachlich und menschlich ganz anders drauf sind als Führungskräfte in der Wirtschaft, die Prämien für erkennbar effektives Fördern erhalten … so dass das Geschäft auch allen Freude macht. Aber die Beamten in Regierung und Behörde haben dann schnell die Gelegenheit genutzt (Sie wissen: vor allem waren das die Staatssekretäre, jene Garde, die auch gerne mal zur Bertelsmannparty eingeladen wird) und daraus ein Vernichtungsgesetz gemacht.

Gut, wir waren bei der Krankheit. Vier von sechs Kindern bekamen unter Hartz IV gesundheitliche Probleme, die vorher nicht erkannbar waren: soziale Ängstlichkeit, Mutismus, Asperger Syndrom, erhöhte Infektanfälligkeit, Antriebsarmut. Wirklich – ich versuche, nach Kräften dagegen zu steuern … mit meinen bescheidenen Mitteln … aber wie es aussieht, werden diese Menschen – die einst so gut gestartet waren und immer so glücklich wirkten – dauerhaft Hartz IV-Empfänger. Sowas betrifft momentan 1,7 Millionen Kinder im Land – meine sind also nicht allein. All´ dieser Rückzug ist aber auch nützlich: schützt er doch vor den Attacken einer durch Medien und Politik aufgepeitschten Umwelt, deren Hass bis heute nie kritisiert wurde – weil er wohl staatlich gewollt war.

Man kann auch nicht alles für die Kinder tun: ein Tag Uniklinik kostet 10 Euro, dazu noch 10 Euro Fahrtkosten … machen Sie das mal zwei Wochen lang, ohne beim Essen massiv einzusparen. Geht einfach nicht.

Man selbst – als Mann – muss damit leben, dass sich die Wahrscheinlichkeit von Prostatakrebs dahingerafft zu werden enorm erhöht (siehe ecancer). Und der Stress, dem man durch Arbeitslosigkeit unterliegt? Schlimmer als der, wenn man sein Haus verliert oder die Kinder ausziehen (journalists.resource). Arbeitslosigkeit kann ziemlich tödlich sein – auf jeden Fall ist sie ein enormes Gesundheitsrisiko. Sie verändert die ganze Persönlichkeit (siehe University of Sterling). Es gibt einen ganzen dicken Forschungsbericht über die gesundheitlichen Folgen der Arbeitslosigkeit (siehe IAB): nach einem Jahr haben 30 Prozent der „Hartzis“ allein durch die Umstände eine psychische Störung. Angst steht dabei an vorderster Stelle: immerhin kann man jederzeit total sanktioniert werden – und sei es auch nur, weil man mal wieder einen Job aus der Pornobranche abgelehnt hat (siehe Gerichtsverfahren).

Man sieht: Arbeitslosigkeit ist an sich schon eine enorme Bedrohung – ich vergleiche das mal mit der Diagnose „Krebs“ – und darauf reagieren Sie noch mit „Druck“? Kein Wunder, dass man da Schaden nimmt: wenn eine Regierung (und eine ganze feine Gesellschaft) anfängt, auf die einzutreten,  die sowieso schon am Boden liegen und die Schwächsten der Gesellschaft sind, muss man sich nicht wundern, dass sich das Klima im ganzen Land verändert. Natürlich hat man Angst – und zwar völlig zu Recht, wenn man sieht, wie eine Behörde wieder mit Vollmacht zu dem Urteil über Leben und Tod ausgestattet wird, das  – das zeigen die enormen Erfolgsquoten der Sanktionierten bei Gericht – sehr freizügig und willkürlich je nach Tageslaune des unterqualifizierten Sachbearbeiters verhängt wird. Es ist die Erfahrung des Bösen, dass in der Gesellschaft die Oberhand gewonnen hat – und sich weiter ausbreitet. Die Erfahrung von Hilflosigkeit, Entwürdigung, Abhängigkeit … und das sichere Wissen darum, dass jederzeit – auch aufgrund eines Amtsirrtums – die Vernichtung erfolgen kann, weil die allerletzten Zahlungen ausbleiben.

Es gibt schon Menschen, die sind obdachlos geworden, weil das Amt die Miete nicht vereinbarungsgemäß zahlte – und die haben sogar vor Gericht verloren.

Und da stellen Sie sich hin und wagen zu sagen, dass Hartz IV nicht für die Armut in Deutschland verantwortlich ist (siehe neues-deutschland). Nun -als Ex-Frau eines Audivorstandes leben Sie ja auch auf ganz anderem Niveau – von den Bergen an Steuergeldern, die Ihnen persönlich zugeteilt werden, mal ganz abgesehen. Ach ja – Steuergelder. Ich will ja nicht nur klagen, sondern auch Verbesserungsvorschläge einreichen: 30 Milliarden kostet Hartz IV, 100 Milliarden werden jährlich an Steuern hinterzogen (siehe Stern): einfach alle Arbeitslosen zu Steuerfahndern ausbilden, die Beute 50/50 teilen – und alle sind froh.

Sie müssten diese Idee nur mit Ihrem Millionär Martin Schulz (siehe theeuropean) besprechen, vielleicht auch mit Ihrem Ex-Mann, dem Audi-Vorstand: schon hätte die SPD endlich ein Programm.

Mit besten Grüßen: Ihr Eifelphilosoph

PS: Ich muss eins gestehen – bevor Sie nach mir fahnden: weder ich noch meine Kinder sind im Leistungsbezug. Da musste ich lügen. Ich arbeite – wieder. Nur: als Hartzi hätte ich diesen Brief nicht schreiben können, ist schon einmal vorgekommen, das ein Mitarbeiter Ihrer Behörde diese Information im Rahmen unseres Engagements für Kikki W. Geiß an die Öffentlichkeit gebracht hatte, um uns mundtot zu machen.

War erfolgreich – nur jetzt … als ordentliche Steuerzahler … können wir etwas deutlicher werden. Ich kann Ihnen aber sagen: die Studien haben Recht: diese Angst wird man nie wieder los. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: diese Erfahrung der Vernichtung von Leben (verstanden als Vernichtung von Lebensqualität in verschiedenen Abstufungen) verändert die Persönlichkeit nachhaltig.

Und auch den Blick auf die feine Gesellschaft.

Arbeitsfähig … dürften nach erfolgreicher Verhartzung wirklich nur noch die allerwenigsten sein.

Warum man das wohl will?

Und warum man nichts dagegen tut – obwohl man seit 1930 über die Folgen Bescheid weiß?

Vielleicht wird es Zeit, dass die Damen aus der feinen Gesellschaft mal für Arbeitslose sammeln, Charityabende veranstalten, Benefizkonzerte machen. Hätte nur keinen Sinn … weil der Staat diesen Opfern des sterbenden Kapitalismus alles sofort wieder weg nimmt.

Verstehen Sie nun, warum ich das Wort „böse“ gebrauche?

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Verkauf von Hundefleisch sofort stoppen!

Animals Asia hat herausgefunden, dass der französische Supermarktgigant Carrefour in China Hundefleisch verkauft. Hier kann muss man unterschreiben, um gegen die grausamen Praktiken der Hundefleischindustrie zu protestieren.

Carrefour ist eine der größten Supermarktketten der Welt, mit Filialen in Europa, Amerika, Asien und Afrika.

Ich bin mir sicher, dass die Kunden weltweit mit Entsetzen auf die Nachricht reagieren werden, dass Carrefour die Gewalt und kriminellen Machenschaften der Hundefleischindustrie in China unterstützt.

Nachdem bereits 2012 in den Regalen einiger Supermärkte Hundefleisch entdeckt wurde, wandten sich Aktivisten privat an Carrefour mit der Bitte, es aus dem Sortiment zu verbannen. Carrefour gab damals das Versprechen, dies zu tun…

Doch noch im Mai 2017 befanden sich weiterhin Hundefleischprodukte in Carrefour-Geschäften in China.

Es ist nicht das erste Mal, dass Animals Asia von Carrefour einen Verkaufsstopp für Hundefleisch fordert. Schon 2012 drängte Animals Asia die Supermarktkette, Hundefleisch aus ihren Regalen zu nehmen. Daraufhin versprach das Unternehmen, dieser Forderung zu folgen. In einer Folgeuntersuchung im Mai 2017 zeigte sich jedoch, dass zwei Niederlassungen in der Stadt Xuzhou weiterhin Hundefleisch-Produkte offen zum Verkauf anbieten, darunter „Hundefleisch in Schildkrötensaft“.

https://www.berlinjournal.biz/wp-content/uploads/2016/05/Hundefleisch-Festival-Yuzlin-China.png

In China geraten Hunde und Katzen, darunter viele Haustiere, auf offener Straße in die Fänge der Fleischhändler. Sie werden in winzige Käfige gesperrt und über lange Distanzen, ohne Futter und Wasser, zu den berüchtigten Fleischmärkten Chinas transportiert, wo sie mit den schrecklichsten Methoden geschlachtet werden.

Carrefour hatte bereits jede Gelegenheit, sich von dem Hundefleischhandel zu distanzieren und den Verkauf von Hundefleisch zu stoppen, doch stattdessen ziehen sie aus der Grausamkeit Profit. Für Millionen ihrer Kunden in Europa und darüber hinaus wird diese Nachricht ein Schock sein. Sagt Carrefour, was ihr von dem Hunde- und Katzenfleischhandel haltet.

Unterschreibe jetzt die Petition, um Carrefour zu einem Verkaufsstopp von Hundefleisch zu drängen!

Hier geht es zur Petition

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Reise zum Glück

Kürzlich erreichte mich eine Mail von einem Freund, der an einer ganz besonderen Reise teilgenommen hat. Kein Ballermann, kein All Inclusive, kein Liegen reservieren am Pool, nein. Er beschrieb sein Reiseziel als eine Reise zu sich selbst und zum erfahrbaren Glück. Was hat er gemacht? Er hat seine Reise bei einem ganz speziellen Reiseanbieter gebucht, der seine Reisen mit den Worten „Reise zum Glück“ betitelt. Reise zum Glück ist auch der Name des Reiseveranstalters, dies bedeutet nämlich auf Maori die Bezeichnung WAINANDO. Ich gebe zu, ich war nach diesen Worten erst einmal ein bisschen kritisch und skeptisch. Dennoch habe ich mich ein bisschen über diesen Reiseveranstalter informiert, als der Freund mir schrieb, dass WAINANDO für ihn eigentlich für folgendes steht:

W egweisung

A uszeit

I nspiration

N ahebringen

A nkommen

N achhaltigkeit

D auerhaftigkeit

O rientierung

Na gut, als bekennender Buddhist kann man mich natürlich sofort anfixen mit diesen Worten. Der Reiseveranstalter verbindet scheinbar zum einen verschiedene und außergewöhnliche Kulturen mit den Reisegästen, zum anderen ist diese Art zu Reisen noch mit einem hohen Anspruch an Spiritualität, Meditation und Sinnfindung gepaart. Ich kannte diese Nische des Reisens bislang gar nicht, jedoch haben die Worte des Freundes mein Interesse geweckt und mir auch klar werden lassen, dass auf diese Art und Weise auf Reise zu gehen scheinbar wirklich das erzeugt, was vermutlich jeder von uns von einem gelungenen Urlaub erwartet: Entspannung und Glück. Wen es interessiert kann sich gerne mal einlesen in dieses Projekt:

Wainando – Meditation und Sinnreisen

https://i1.wp.com/www.sandra-molter.de/wp-content/header-images/Entspannung-Balance.jpg

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Es geht ums Tun und nicht ums Siegen

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„Mitten wir im Leben sind – von dem Tod umfangen“

Die massive Präsenz von Polizei auf einem Kirchentag in Berlin war eine neue Erfahrung. Eine – unbeabsichtigte – Variation des Kirchentag-Mottos: „Du siehst mich“ (1 Mose 16,13), das in diesen Tagen in manchen Predigten arg strapaziert wird. Hat Gott die Bilder von Manchester gesehen? Oder die Bilder der Ertrinkenden im Mittelmeer?

Die freundlich-harmlosen Glupschaugen auf den orangenen Kirchentags-Fahnen werden durch die Linsen der Überwachungskameras verstärkt, wo immer es geht.

Vor der Veranstaltung, auf der Thomas de Maizière und Groß-Scheich Al Tayyeb von Kairo, die höchste Autorität des sunnitischen Islams, über religiöse Toleranz sprechen, durchkämmen Spürhunde die Halle. Sie suchen nach Sprengstoff. Der Scheich wirkt müde, als er den Terror verteufelt. Der warme Applaus scheint ihn kaum zu erreichen. Er sagt: In muslimischen Gesellschaften habe es nie Bürgerkrieg gegen Christen gegeben, und es könne ihn auch nicht geben, denn der Islam gestatte den Waffengebrauch nur zur Selbstverteidigung.

Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad – der auf dem Podium im Zentrum von Publik-Forum nur unter Polizeischutz mit Antje Vollmer und Klaus Mertes diskutieren kann – wirft Tayyeb im Spiegel vor, er habe zwei Islamversionen im Gepäck: Eine weltoffen-tolerante für die Außendarstellung. Und eine intolerant-rigide nach innen.

In der Tat. Das Wort „Salafismus“ oder eine Kritik am wahhabitischen Islam kommt Al Tayyeb nicht über die Lippen. Das Gespräch zwischen ihm und de Maizière wird unterbrochen, als ein Mitarbeiter dem Minister einen Zettel zusteckt. Darauf steht: Ein Bombenanschlag auf einen mit Christen besetzten Bus fordert in Ägypten 29 Menschenleben.

„Todesort – Lebensort“ – so heißt die Überschrift zum Feierabendabendmahl am Gedenkort der Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Die Abendsonne wärmt den ehemaligen Todesstreifen, der zu einem Park geworden ist, in dessen Mitte die schlichte, ovale Versöhnungskirche steht, umgeben von einem kleinen Roggenfeld. Die Menschen teilen Brot, Käse, Weintrauben und Äpfel. Man erzählt, woher man kam und was man erlebt hat. Kurz nach dem Segen rasen Polizeiautos und Krankenwagen die Bernauer-Straße hinauf. Wo eben noch gesungen wurde, jaulen die Sirenen. Rot-weißes Absperrband. Ein Auto ist die Treppe zum U-Bahnhof hinuntergerast. Es gibt mehrere Verletzte. Und große Nervosität unter Passanten und Beamten. Aber es ist wohl »nur« ein Unfall.

„Mitten wir im Leben sind – von dem Tod umfangen“. Selten war auf einem Kirchentag dieser mittelalterliche Choral, der von Martin Luther ins Deutsche übertragen wurde, so sinnenhaft erfahrbar.

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Die RAF als Mittel zur heutigen Mobilisierung

Dieser Tage bricht eine wahre Erinnerungslawine über uns herein. Die 40. Wiederkehr des Deutschen Herbstes 1977 wird medial groß in Szene gesetzt, um – wie es heißt – der Opfer des Terrorismus zu gedenken. Eigentlich sind 40 Jahre kein traditioneller „Jubiläumsabstand“ wie 10 oder 50 Jahre. Wieso also diese Medienpräsenz des Linksterrorismus in diesem Jahr? Öffentliche Erinnerung wird von gesellschaftlichen Bedürfnissen gesteuert und reguliert, und gegenwärtig scheint ein virulentes Interesse daran zu bestehen, sich mit der Geschichte der „Roten Armee Fraktion“ und der von ihr begangenen Verbrechen zu beschäftigen. Aber neben den offiziell proklamierten Motiven für diese Auseinandersetzung existieren noch andere, unausgesprochene. Noch einmal möchte man die 68er Revolte in Bausch und Bogen für den Terror der RAF verantwortlich machen und die Gesellschaft in Panik versetzen, um sie gegen ihre eigenen besseren Möglichkeiten zu immunisieren. Dabei ist es ein Gespenst, das da umgeht und beschworen wird, denn realiter hatte sich die RAF 1998 endgültig für aufgelöst erklärt. Die Blutspur, die sie durch die Geschichte der Bundesrepublik gezogen hatte und die 1970 mit der Baader-Befreiung begann, endete 1993 auf einem Bahnsteig in Bad Kleinen.

Leider gehen inzwischen auch ehemalige Linke mit der These hausieren, das Wesen der antiautoritären Revolte sei in der RAF zur Erscheinung gekommen und zur Kenntlichkeit gebracht worden. Dass die RAF ein Zerfalls- und Spaltprodukt der Revolte ist, kann und soll nicht bestritten werden. Die Revolte hatte die unterschiedlichsten Intentionen für knapp zwei Jahre in sich gebündelt und zu einer gemeinsamen Praxis vereint, die sich dann nach 1969/70 wieder entmischten und gegeneinander verselbständigten. Die RAF ist dabei genauso entstanden wie die K-Gruppen, die Spontis, die Frauenbewegung und der Psycho-Boom; Produkte der Revolte sind die Grünen, Kinderläden, die taz, Naturkostläden und Frauenhäuser. Die Geschichte der Revolte auf die Vorgeschichte der RAF zu verkürzen ist genauso töricht, wie Auschwitz zur Inkarnation der abendländischen Vernunft zu erklären, was ja unter dem Einfluss gewisser französischer Philosophen auch einmal eine Weile im Schwange war. Wer das ambivalente und mitunter laxe Verhältnis der Revolte zum Thema Gewalt für die Entstehung der RAF verantwortlich macht, sollte auch die überzogenen, harten Reaktionen des Staates auf die anfangs noch recht harmlosen Regelverstöße der APO und deren Anteil an ihrer Radikalisierung in sein Kalkül einbeziehen.

Der Deutsche Herbst 1977 begann eigentlich bereits im Frühjahr, als Generalbundesanwalt Buback erschossen wurde, und gipfelte in der Entführung und Tötung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, der Entführung einer Lufthansa-Maschine nach Mogadischu und der Selbsttötung der ersten RAF-Generation, bestehend aus Baader, Ensslin und Raspe, in Stammheim. Ulrike Meinhof hatte sich bereits im Jahr zuvor das Leben genommen, nachdem ihr wohl bewusst geworden war, dass der Versuch, das „Konzept Stadtguerilla“ von Lateinamerika nach Europa zu übertragen, gescheitert war, wie hoffnungslos sich die RAF in ihre eigene Militanz entfremdet hatte und wie weit sie sich dadurch von der Mehrheit der Bevölkerung entfernt hatte. Der „bewaffnete Kampf“ hatte seine eigene Dynamik entfaltet und dabei moralische Erwägungen über Bord geworfen. Die Durchtrennung des Bandes zwischen Gewalt und Vernunft hatte dazu geführt, dass die RAF auch innerhalb der Linken mehr und mehr an Unterstützung einbüßte und sich isolierte. Marcuse, Negt, Dutschke, Böll, Brückner und andere hatten Theorie und Praxis der RAF zeitig einer heftigen Kritik unterzogen, sich im Namen ehemals gemeinsamer Ziele von der Praxis des bewaffneten Kampfes in den westlichen Metropolen distanziert und die RAF zur Umkehr aufgefordert.

Man hätte im Jahr 2017 auch den 2. Juni zum Anlass des Gedenkens nehmen können, an dem vor 50 Jahren der 26-jährige Theologiestudent Benno Ohnesorg erschossen wurde. Hier und da wurde an dieses Ereignis erinnert, aber das war nichts im Vergleich zur medialen Mobilmachung, die wir jetzt erleben. Mit den Schüssen des Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras, der – ohne in Bedrängnis zu sein – das Feuer eröffnete und später auch noch vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen wurde, fing tatsächlich alles an. Alles andere ergibt sich, wenn man so will, aus dieser Tötung eines unbewaffneten und zu jeder Gewalt unfähigen Studenten, der an jenem Abend friedlich gegen die Anwesenheit des Schahs von Persien in Berlin und dessen Terrorherrschaft im Iran protestieren wollte. Uwe Timm hat seine Erinnerungen an den einstigen Freund und Mitschüler in dem Buch Der Freund und der Fremde festgehalten, das jedem zur Lektüre empfohlen sei, der wissen möchte, wer dieser Benno Ohnesorg war, wie er gelebt und gedacht hat.

Ohne die Schüsse des Polizisten Kurras hätte es möglicherweise gar keinen Deutschen Herbst gegeben. In diesem Moment verlor die Bewegung ihre Unschuld und wurde eigentlich auch erst jetzt zu einer Bewegung, die über die Grenzen von West-Berlin hinaus Massen junger Leute im Bundesgebiet zu mobilisieren vermochte. Die Bewegung verlor ihre Unschuld meint auch, dass sich ab jetzt starke Zweifel gegenüber Rechtsstaatlichkeit und Polizei breit machten und immer weniger junge Leute davon überzeugt waren, dass sich in einer Demokratie alle und alles dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu beugen habe. Nicht umsonst ereignete sich bei der Trauerfeier für Benno Ohnesorg jener berühmte Zusammenstoß zwischen Jürgen Habermas und Rudi Dutschke, als jener diesem wegen seines Plädoyers für den aktiven Widerstand und „direkte Aktionen gegen die etablierte Ordnung“ vorwarf, einem „linken Faschismus“ das Wort zu reden.

Die Gewaltfrage hat zu Beginn das herrschende System selbst auf die Tagesordnung gesetzt und sie zu einer für die Studentenbewegung höchst praktischen Frage gemacht. Als dann Ostern 1968 der Malergehilfe Josef Bachmann, von der monatelangen Hetze der Bild-Zeitung angestachelt, aus München anreiste und auf Rudi Dutschke schoss, hatten die Verfechter der Gewaltlosigkeit einen immer schwereren Stand. Die Verhältnisse selbst nötigten einer anfangs beinahe naiv und blauäugig agierenden und demokratisch denkenden und argumentierenden Bewegung einen Lernprozess auf, der sich so beschreiben lässt: Wenn an dem dünnen Firnis demokratisch-rechtsstaatlicher Verkehrsformen gekratzt und das herrschende System, wie partiell auch immer, in Frage gestellt wird, kommt, wie Kai aus der Kiste, die Gewalt hervor. Als Kern des bürgerlichen Friedens wurde die permanente Kriegsdrohung erkennbar. Die manifeste Gewalt kann sich im bürgerlichen Alltag in die Kulissen der Institutionen zurückziehen und „strukturell“ werden, bleibt aber stets in Reserve. Eine Desillusionierung fand auch im Bezug auf die anfangs idealisierte westliche Demokratie statt, die sich der Bewegung nun als die dem hemmungslosen Geldverdienen günstigste Herrschaftsform erschloss, die das Privateigentum vor den Menschen sehr stark, den Menschen vor dem Privateigentum hingegen nur sehr dürftig oder gar nicht schützt.

Staatliche Überreaktionen auf studentische Proteste bewirkten eine Radikalisierung der Bewegung, in der Auseinandersetzung mit der Militanz des Staates wird die Bewegung selber militant. Im  Sommer 1967 traf man sich im Audimax der Freien Universität in Berlin, um Herbert Marcuse zuzuhören, der am Schluss eines Vortrags über „Das Problem der Gewalt in der Opposition“ unter Beifall ausrief: „Und selbst wenn wir noch keine Änderung sehen, müssen wir weitermachen; müssen wir widerstehen, wenn wir noch als Menschen leben, arbeiten und glücklich sein wollen. Im Bündnis mit dem System können wir das nicht mehr.“

Warum fällt die Wahl des staatlich und medial inszenierten Gedenkens in diesem Jahr auf den Deutschen Herbst und nicht auf den 2. Juni? Weil man die Gesellschaft nachträglich noch einmal gegen die Gefahr des gewaltsamen Umsturzes mobil machen möchte. Dabei schieben sich, wie bei einem mehrfach belichteten Foto (so etwas kam früher gelegentlich vor), verschiedene Formen des Terrorismus übereinander: Der „bewaffnete Kampf“ der RAF aus den 70er Jahren, der islamistische Terror seit dem 11.9.2001 und ein sich möglicherweise in Zukunft radikalisierender Widerstand gegen die Folgen der Globalisierung und Umweltzerstörung. Da Deutschland (trotz Kofferbomben und den von den  im Sauerland Verhafteten möglicherweise geplanten Anschlägen) im Vergleich zu den USA, England und Spanien vom islamistischen Terror bislang weitgehend verschont geblieben ist, lässt sich ein gesetzgeberischer Ausnahmezustand und ein neuerliches Drehen an der sicherheitspolitischen Schraube durch ihn allein schwerlich rechtfertigen. Also wird noch einmal die RAF bemüht, um alle möglichen Gesetzesvorhaben durchzupauken und den Umbau des demokratischen Rechtsstaats in den präventiven Sicherheitsstaat voranzutreiben. Dazu hatte sie in den 70er Jahren bereits einmal gedient, als man serienweise Gesetze verschärfte, die Rechte der Verteidigung beschnitt und die Zwangsmittel der Polizei ausbaute. An eine vom Schrottplatz der Geschichte geholte Lokomotive mit der Aufschrift „RAF“ sollen jetzt noch einmal viele, viele Güterwaggons angehängt werden, voll beladen mit allen möglichen neuen Paragraphen und sicherheitspolitischen Vorhaben, die überwiegend mit Terrorismusbekämpfung wenig oder gar nichts zu tun haben, sondern das schier grenzenlose Knotrollbedürfnis des Staates befriedigen und die Bürger im Namen der Sicherheit ihrer Freiheitsrechte berauben. Ein vom Denken der Studentenrevolte, also von Agnoli, Brückner, Marcuse und Krahl geschärfter „böser Blick“ auf die von Innenminister Schäuble, Beckstein und anderen geplanten Maßnahmen wird in ihnen Instrumente einer „präventiven Konterrevolution“ (Herbert Marcuse) erkennen. Heute schon möchte man Vorkehrungen gegen zukünftige organisierte Ausbruchsversuche der Massen aus dem System treffen. Man will gewappnet sein, wenn dereinst die Massenloyalität bröckelt und die aus dem System des losgelassenen Marktes Herausgefallenen und Überflüssigen sich daran begeben, den „Wahnsinn der rasenden Industrie“ (Max Horkheimer) zu stoppen und diese in eine neue und wahrhaft solidarische Gesellschaftlichkeit einzubinden. Auf die selbst produzierte Lockerung der inneren Selbstzwänge und den antizipierten Schwund der Massenloyalität antwortet der Staat mit der Militarisierung der inneren Sicherheit. Immer offensichtlicher werden Ghettos produziert, in denen sich die Erniedrigten und Beleidigten sammeln, deren Unterdrückung immer weniger aus dem Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital herrührt, sondern aus Erfahrungen von Ausschluss und Überflüssigkeit, die irgendwann zu blinder Wut werden und sich raptusartig entladen können.

Man macht der RAF schließlich noch einmal den Prozess, weil sie gegenwärtig sehr viel mehr Sympathien auf sich zieht als zu der Zeit, da sie agierte, wobei diese Sympathien teilweise von trüben Quellen dumpfen kleinbürgerlicher Ressentiments gespeist werden. Unlängst sagte ein Kollege unvermittelt zu mir: „Die Baader-Meinhof-Gruppe war 40 Jahre zu früh. Heut bräuchten wir Leute wie die!“ Damals gehörte er zu denen, die die Stammheimer Gefangenen am liebsten „an die Wand stellen“ wollten. Die RAF bevölkert inzwischen die Rachephantasien des von Konkurrenz- und Verlustängsten umgetriebenen und durch die sozialen Umbrüche der Gegenwart verunsicherten „kleinen Mannes“ und verschafft ihr nachträglich so etwas wie die ehemals vergeblich ersehnte Resonanz. Um den Leuten diese aufkeimenden Sympathien auszutreiben und sie bei der Stange der herrschenden Realität zu halten, werden ihnen massiv die Bilder des von der RAF verbreiteten Schreckens noch einmal vor Augen geführt.

Zur Ehrenrettung der Erinnerungskampagne sei angemerkt, dass sie in ihren aufklärerischen Varianten (zum Beispiel beim damaligen Staatssekretär und späteren Innenminister Gerhart Baum) auch ein Element von Schuldeingeständnis und später Wiedergutmachung enthält und transportiert. Schuldgefühle darüber, dass man in maßloser Überschätzung der terroristischen Bedrohung der Bundesrepublik und ihrer staatlichen Ordnung durch eine Handvoll zu allem entschlossener Desperados glaubte, hart bleiben zu müssen und den Forderungen der Entführer nicht nachgeben zu dürfen. Der Krisenstab unter der Führung von Helmut Schmidt hätte die Gefangenen freilassen und das Leben Schleyers retten können, wie man es zwei Jahre vorher im Falle des entführten Peter Lorenz getan hatte. Stattdessen beschwor Kanzler Schmidt die Gefahr ständig neuer Erpressungsversuche und neuen Blutvergießens, das dann ja auch trotz (oder vielleicht sogar wegen) der gezeigten Unnachgiebigkeit die nächsten 15 Jahre noch stattfand und mit dem Tod Schleyers und der Stammheimer Häftlinge ja bereits einsetzte. Aus der Distanz von 40 Jahren setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass ein seiner freiheitlich-demokratischen Identität sicheres Gemeinwesen sich nichts vergeben hätte, nachzugeben, um das Leben eines seiner Repräsentanten zu retten. In Uwe Wesels Buch Die verspielte Revolution. 1968 und die Folgen (München 2002) heißt es abschließend zu diesem Thema: „Wofür ist Hanns Martin Schleyer geopfert worden? Die Antwort ist leider eindeutig: für die Staatsraison, ein imaginäres Gebilde aus längst vergangenen Zeiten, das einer freiheitlichen Demokratie und Bürgern mit aufrechtem Gang fremd sein sollte.“ In diesem Sinne wäre es ein deutliches Zeichen gewesen, wenn man den 2. Juni 1967 ins Zentrum der erinnernden Aufmerksamkeit gerückt hätte. Es wäre das einer demokratischen Gesellschaft angemessene Eingeständnis, dass staatliche Überreaktionen und pure Härte am Anfang einer Entwicklung standen, die schließlich den Terrorismus und den Deutschen Herbst hervorgebracht hat.

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